Halberstadt. 20 Jahre friedliche Revolution, 20 Jahre Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands : Ereignisse, die nicht nur ein Land veränderten, sondern die Welt. Ein besonderer Zeitzeuge, der damals am Puls der Ereignisse weilte beziehungsweise am Buch der Wiedervereinigung Deutschlands maßgeblich mitschrieb, besuchte am Montag Halberstadt. Die Rede ist vom ersten frei gewählten und zugleich letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière ( CDU ). Gelebte Geschichte bekamen die 450 geladenen Gäste der Harzsparkasse in der Aula des Halberstädter Käthe-Kollwitz-Gymnasiums geboten.

De Maizière, dem nur wenige Monate im Amt blieben, berichtete von einer schwierigen Zeit, in der die Demokratie in der DDR laufen lernte. Kräfte, die damals dafür eintraten, die neue DDR als friedlichen und demokratischen Staat aufzubauen, hatten keine Chance, resümierte er. " Wir mussten schnell handeln ", so Lothar de Maizière. " Uns lief das Volk und damit die Zukunft weg, täglich bis zu 4000 Menschen, die dort hingingen, wo es die D-Mark gab ", erinnerte er. " Die Straße bestimmte die Tagesordnung. " Es musste gehandelt werden.

Mit Stolz erinnerte de Maizière an die ersten freien Wahlen im März 1990. " 94, 3 Prozent Wahlbeteiligung. Die Menschen waren elektrisiert, wollten mitbestimmen wohin es geht : zur Wiedervereinigung Deutschlands. Es war eine dramatische aber beflügelnde Zeit. " Arbeit, die eigentlich Jahre in Anspruch genommen hätte, um aus zwei unterschiedlichen deutschen Staaten ein einig Vaterland zu schmieden, wurde in nur wenigen Monaten bewältigt. Eine Leistung, die in der Welt wohl einzigartig ist.

Schmunzeln erntete Lothar de Maizière, als er von einem Anruf des sowjetischen Botschafters in Berlin nach der freien Wahl 1990 berichtete. " Er wollte mich am nächsten Tag zum Rapport in die Botschaft bestellen, wie es vorher mit DDR-Regierungschefs üblich war. Ich teilte ihm mit, dass er in den nächsten Tagen einen Termin bei mir bekommen könnte. Darüber war der Botschafter sichtlich erzürnt. "

Im Besitz des ehemaligen Ministerpräsidenten befindet sich auch ein besonderer Kugelschreiber, wie er berichtete. " Als wir in Moskau den Zweiplus-Vier-Vertrag zur Wiedervereinigung mit den damaligen Alliierten unterschrieben, gab es fünf Plätze für die Außenminister, mit fünf Kugelschreibern. Ich sagte mir, dass ist die zweitwichtigste Unterschrift deines Lebens. Die wichtigste tätigte ich einst im Standesamt Berlin-Mitte, als ich meine Frau heiratete. Diesen Kugelschreiber musst du haben. Etwas verschämt steckte ich ihn nach der Vertragsunterzeichnung in die Jackentasche. Bei einem Blick zurück sah ich, dass plötzlich alle Kugelschreiber weg waren ", erzählte de Maizière. Mit Applaus dankte das Publikum Lothar de Maizière für diesen besonderen Blick in das Geschichtsbuch.