Der Wernigeröder Fünfkampf wird seit 36 Jahren gepfl egt. Doch diese Tradition, die von Harz-Gebirgsläufern gegründet wurde und Training für Muskeln, Nerven und die Leber bedeutet, kennt kaum jemand.

Wernigerode. Sonnabendmorgen 9 Uhr : eine exzellente Frühstückszeit für ein Wochenende, obwohl viele Wernigeröder noch im Tiefschlaf liegen. Nicht so die 25 Fünfkämpfer, denen Wetter und Uhrzeit seit Jahrzehnten ziemlich egal sind. In Jubiläumsjahren wächst deren Zahl sogar auf fast 40 an, übrigens dann auch mit internationaler Beteiligung.

Neben den Männern sind auch stets Frauen und Kinder mit am Start. Bei mickrigen 15 Grad Luft- und 19 Grad Wassertemperatur springen sie unerschrocken im Waldhofbad ins glasklare und phantastisch blau schimmernde Wasser. Sie absolvieren die erste Disziplin von vier weiteren, so Ulrich Eichler auf Nachfrage der Volksstimme. Zusammen mit Aleksander Tomczak und Peter Marschel gehörte er 1976 zu den Gründungs-Mitliedern. Damals waren die leidenschaftlichen Harz-Gebirgsläufer noch Studenten.

Originelle Alternativen für Reiten und Fechten

In Anlehnung an die Olympische Disziplin " Moderner Fünfkampf " wollte man seinerzeit in Wernigerode etwas Ähnliches auf die Beine stellen, dabei sicher noch nicht ahnend, dass man sich 2009 bereits zum 36. Mal treffen würde. Doch 1 : 1 wollte man den Fünfkampf nicht übernehmen : Reiten und Fechten wäre etwas zu kompliziert geworden. Aber da die Gemeinschaft auch ansonsten durch ausgesprochene Geselligkeit besticht, ergänzte sie das Schwimmen, Laufen und Schießen kurzerhand um die " Disziplinen " Würfeln und Biertrinken. Selbstverständlich wird den Kindern nicht das obligatorische Maß Bier, sondern ein auch mengenmäßig kleineres Alternativgetränk gereicht.

Als man 1976 mit dem Stiefeltrinken ( ein Liter ) anfi ng, landeten ausnahmslos alle Männer bei über einer Minute. Solche Zeiten werden seit Langem nur noch belächelt. Durchschnittlich werden von den Profi s heutzutage um die 20 Sekunden gebraucht. Der Rekordhalter schaffte den Liter Hasseröder mal in unfassbaren zwölf Sekunden ! " Auch bei extrem großem Durst, der erste halbe Liter geht ja noch, der zweite ist meist eine kleine Plage ", so Ulrich Eichler. Es scheint ganz offenbar, nicht dessen Lieblingsdisziplin zu sein. Frauen werde jeweils nur ein viertel Liter Gerstensaft zugemutet, aber auch der will erst einmal gegen die Stoppuhr getrunken sein.

Das Ganze hat sich in dieser Form über die Jahrzehnte nicht nur erhalten, sondern auch bestens bewährt und zudem den " Spaßfaktor " maßgeblich erhöht. Eigens für die letztgenannten beiden " Sportarten " wurde auf dem Grundstück von Malermeister Peter Baum an der Schönen Ecke eine " Fünfkampf-Arena " geschaffen. Dort finden sich nicht nur die 35-jährige Besten-Liste, sondern auch diverse Pokale und Fotos.

Nach dem Freistil-Schwimmen – in diesem Jahr mit neuer Bestzeit bei den Damen von Antje Kapsch erzielt – folgen Luftgewehrschießen ( der Rekord bei 100 möglichen Ringen liegt bei 82, seit 1988 gehalten von Peter Baum ) und Crosslauf über 4 bzw. 1 Kilometer.

Das Schöne am Wernigeröder Fünfkampf sei, dass man selbst bei mittelmäßigen sportlichen Leistungen durch die Glücksdisziplin Würfeln noch den Gesamtsieg erringen könnte. Das sei zwar relativ schwierig, so Eichler, " aber wem pausenlos Einsen gelingen, der überholt am Ende des Tages alle ". Das sei aber noch nie der Fall gewesen. Wegen des ausgeklügelten Punktesystems sei der originelle Wettbewerb stets sehr spannend und werde jeweils erst spät in der Nacht mit Würfelbecher am Biertisch entschieden.

Enthusiasten reisen

sogar aus Zürich an

Ursprünglich sollte der Fünfkampf sogar fünf Mal jährlich stattfinden, 1976 brachte man es aber lediglich auf drei Ausscheide, immer noch zu viel. Immerhin reisen manche Enthusiasten aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus Zürich an. Den besten Damen, Herren oder Pärchen winken jedes Jahr Pokalteller mit ihren eingravierten Namen. Alle bekommen eine Urkunde mit ihren Ergebnissen. Zwar sei es eine Truppe, die gern unter sich ist, meint Eichler, aber mittlerweile würden die jungen Harz-Gebirgsläufer von einst längst Freunde, Kinder oder sogar Enkel mitbringen.

Übrigens : Anlässlich des 30. " Wernigeröder Fünfkampfes " haben die zumeist auch das restliche Jahr über sportlich Aktiven einen Stein oben am Ratskopf gesetzt. An jener Stelle, wo sich Start und Ziel für den Crosslauf befinden und jedes Mal das obligatorische Erinnerungsfoto geschossen wird.