Der Wernigeröder Gerhard Eichler hat die bewegenden Ereignisse im November und Dezember 1989 in seinem " Wendesong " festgehalten. Wie ist dieses Lied entstanden ? Harzer Volksstimme fragte bei dem 76-Jährigen nach.

Wernigerode. Egal, ob auf Familienpartys oder bei Wandertreffen – ist Gerhard Eichler ( 76 ) dabei, ist es nur eine Frage der Zeit : irgendwann wird irgendwer ihn auffordern, den " Wendesong " zu singen. 20 Jahre nach der Wende wächst die Zahl derjenigen, die nur noch bruchstückhaft nachvollziehen können, welche dramatischen Ereignisse sich 1989 auch diesseits des Brockens abgespielt haben.

Eichler textet bereits seit 1957. So schrieb er zum Beispiel eine Hommage an seine Heimatstadt Wernigerode – zur Musik des Sinatra-Klassikers " New York, New York. "

Der " Wendesong " hat einen sehr viel ernsthafteren Hintergrund : Ausschlaggebend war ein Schultreffen im Jahr 1991 im Mühlental. Von den 32 ehemaligen Schulkameraden des Gymnasiums waren zwei Drittel aus den alten Bundesländern angereist. Die Mehrzahl hatte auch schon vor der Maueröffnung im Westen gelebt. Deren Sicht auf die friedliche Revolution in der DDR konnte naturgemäß nur eine sehr bruchstückhafte sein.

Der engagierte Hasseröder weiß nicht nur altersbedingt sehr genau, wovon er singt : auf dutzenden Fotos von 1989 taucht er immer wieder als einer der Wende-Aktivisten auf. Stets unter denen, die sich nicht nur an den ersten Demonstrationen beteiligten, sondern sich auch aktiv einbrachten. Und zwar als die Stasi immer noch ihre unsäglichen Fäden zog. Wie man weiß mit unabsehbaren Konsequenzen für jeden, der mitmarschierte oder sich mit " aufmüpfigen " Transparenten auf die Straße wagte. Eichler : " Gerüchte machten während der Demo die Runde, wonach im Sägewerk zeitgleich Kampfgruppen aus Halberstadt zusammengezogen wurden. Wir hatten ja keine Ahnung, ob wir danach mit heiler Haut wieder nach Hause kommen würden ! Man wollte offenbar nicht Wernigeröder auf Wernigeröder schießen lassen. "

Eichler ist in dem " Wendesong " ( Musik nach " Macki Messer ") die Freude über " die neue Zeit " deutlich anzumerken. Allerdings werden gleichermaßen auch die Ängste besungen, die jeder hatte, der die Mechanismen des totalitären Staates DDR kannte : " In vollen Kirchen man diskutiert, wo ‘ s Neue Forum sich präsentiert. Das war gefährlich, drum sehr beachtlich : Im Oktober 89 !" Und an anderer Stelle : " Jeden Montag Demonstration gegen Amtsmissbrauch und Korruption. Nach den Reden vor dem Rathaus riefen alle : Stasi raus !"

Dem Hasseröder ist der Stolz über die friedliche Revolution 20 Jahre danach immer noch deutlich anzumerken. Auch und gerade, weil er mit dabei war, als sich eine Menschenmenge am 3. Dezember 1989 den Zugang zum Brockenplateau ertrotzte. Für jeden Wernigeröder ein Ereignis von außergewöhnlich hoher Symbolkraft : " Und der Brockenberg war noch Sperrgebiet. Eine Demo uns zum Gipfel trieb. Dem Offizier ging unser Ruf ins Ohr : ‚ Sei nicht so stur, mach auf dein Gittertor !‘"

Wenn Eichler sein Tonband in Gang setzt, um seinen " Wendesong " vorzutragen, macht sich zumeist Ergriffenheit breit. Manche Gäste sind sogar zu Tränen gerührt. Dass nichts in Vergessenheit gerät, dafür hat das Wernigeröder Urgestein einen wertvollen Beitrag geleistet.