Emersleben ( phb ). " Das ist ja fach wie ein Teller ", staunte ein Mitglied des Storchenvereins Emersleben beim Blick in das Storchennest in der Bauernreihe 5. Die Gelegenheit, den Brutplatz auf dem Gärtnereischornstein von oben zu sehen, bot sich anlässlich der Beringung der drei Jungvögel.

Um diese wissenschaftliche Aufgabe für die Vogelwarte Hiddensee durchzuführen, war der freiberuf iche Ornithologe Georg Fiedler aus Rohrsheim gekommen. Den Zuschauern erläuterte er, dass der laserbeschriftete Kunststoffring einem Personalausweis vergleichbar ist, durch den der Storch individuell gekennzeichnet ist. Durch ein Spektiv ( Teleskop ) konnten sie dem Tier hoch oben auf dem Schornstein in die Augen schauen. Entsprechend lässt sich mit sechzigfacher Vergrößerung die Ringinschrift am lebenden Vogel entziffern und dadurch sein Lebenslauf verfolgen. Damit werden Erkenntnisse insbesondere zum Brut- und Zugverhalten des Weißstorchs gewonnen. So nistete nach Fiedlers Beobachtungen in dem zweiten Horst von Emersleben – auf der Turmspitze – eine nunmehr 13 Jahre alte Störchin, die aus der holländischen Storchenkolonie De Wijk zugezogen ist. 2006 hatte sie einen siebenjährigen Partner, der aus Bad Salzungen in Thüringen stammte. Dieser wurde im folgenden Frühjahr durch einen Rivalen vertrieben und schließlich in Aderstedt sesshaft, wo er derzeit mit einem unberingten Weibchen ein Junges aufzieht.

Mit einer Hebebühne erreichte der Storchbetreuer das Nest in neun Metern Höhe. Über den Ernährungs- und Entwicklungszustand der sechs Wochen alten Jungstörche zeigte sich Georg Fiedler zufrieden. Hilfestellung gab er ihnen insofern, als er ihre Unterschnäbel reinigte : " Ein Mix aus Nahrungsresten und Nistmaterial hatte sich festgesetzt. Erhärtet dieser Pfropfen, kann er zur Schnabelmissbildung führen. " Nach dem Anlegen der Ringe – Nummern H 9534 bis 9536 – wurde die Statik des Nestes in Augenschein genommen. Da es symmetrisch gebaut ist und keine Schäden durch Verwitterung oder Aushöhlung aufweist, besteht keine Absturzgefahr. Deshalb erübrigen sich bis auf weiteres Erwägungen, einen Teil des Reisigs abzutragen.

" 1993, als der Schornstein stillgelegt wurde, setzten wir ein Wagenrad auf, das die Störche sogleich annahmen ", berichtete Besitzerin Britt Godisch. Sie und Uwe Oppermann vom Storchenverein unterstrichen, dass seither das Storchen paar alljährlich zur Brut kommt. Bis auf zwei Brutausfälle – einmal durch den Verlust eines Elterntieres, ein anderes Mal durch Horstkämpfe – seien stets Jungvögel ausgeflogen.

Überdies ist Emersleben seit zehn Jahren der einzige Ort im Harzkreis mit zwei bewohnten Storchennestern. Ein Erfolg, der den Storchenverein Emersleben zur weiteren Pflege des Biotops und zu sonstigen Aktivitäten motiviert.