Der Rundfunk-Jugendchor fährt nicht nach Korea. Die unfassbare Nachricht erreichte den Chor am späten Freitagabend acht Stunden vor der Abfahrt. Die koreanische Provinzregierung von Gyeongnam hat alle Veranstaltungen der World Choir Championships abgebrochen. Grund ist der Ausbruch von H 1 N 1 – der Schweinegrippe.

Wernigerode. Es ist der Zustand höherer Gewalt in Südkorea eingetreten – der Ausbruch von Schweinegrippe. Betroffen sind Dutzende Chöre aus aller Welt. Die mit den World Choir Championships verbundenen zweiten " Asian Choir Games " konnten noch halbwegs zu Ende gebracht werden. Aber mit Wirkung vom Samstag an f nden keine Veranstaltungen mehr statt ; die offzielle Verlautbarung der Provinz Gyeongnam wurde am 11. Juli mit der Empfehlung veröffentlicht, die Chorweltmeisterschaft abzubrechen. Der veranstaltende Verein Interkultur schloss sich dieser Entscheidung angesichts der Gefahren und geplanten Chorgastspiele aus aller Welt an. Von der deutschen Botschaft in Südkorea lag zu diesem Zeitpunkt noch keine Reisewarnung vor.

Die telefonische Nachricht erreichte am späten Freitagnachmittag die Schulleitung des Landesgymnasiums für Musik in Wernigerode und die Chorleitung. Sie kam von Prof. Dr. Ralf Eisenbeiß, dem künstlerischen Leiter der World Choir Championships. Er befndet sich bereits seit einigen Tagen in Südkorea.

Auf der sofort einberufenen Krisensitzung im Landesgymnasium entschieden der stellvertretende Schulleiter Detlef Knauer und Chorleiter Peter Habermann, trotzdem zu f iegen, weil im Anschluss an den Wettbewerb am 18. und 19. Juli noch eine Konzerttournee im Raum Seoul geplant war. Man wollte die Quartiere in der Stadt Changwon nutzen und anschließend zu der Tournee aufbrechen. Wie der koreanische Manager mitgeteilt hatte, sind die zwei Konzerte bereits völlig ausverkauft.

Es ist ein sehr

eigenartiges Gefühl, allein in Korea sein

zu müssen

Kurze Zeit später kam die Information von Prof. Eisenbeiß, dass die Hotels in Changwon wegen der Seuche storniert wurden.

Die Schulleitung prüfte daraufhin die Möglichkeit, kurzfristig auf Hotels in Seoul auszuweichen, aber ohne Erfolg. Zudem konnte nicht für Leben und Gesundheit der minderjährigen Sängerinnen und Sänger garantiert werden ; auf die Schnelle waren auch nicht die Eltern zu erreichen, eine Entscheidung zu treffen.

Am Freitagabend um 21 Uhr – es war um diese Zeit eine letzte Instruktion für die Reise vorgesehen – trat die Leitung vor den Chor und informierte darüber, dass der Chorwettbewerb in Korea wegen des Ausbruchs der H 1 N 1-Seuche abgesagt ist.

Die Nachricht löste Betroffenheit und Fassungslosigkeit bei den 51 Schülern und Begleitern des Rundfunk-Jugendchors aus. Monatelange logistische Vorbereitung, das akribische Einstudieren des Wettbewerbsprogramms und nicht zuletzt viele Tausend Euro – größtenteils dankbar eingeworbene Sponsorengelder – scheinen nun umsonst gewesen zu sein. Von der Perfektion des geplanten Repertoires konnten sich erst am Donnerstagabend die Besucher des Eröffnungskonzertes des 6. Wernigeröder Brahms-Chorfestivals überzeugen. Es war eine der reifsten künstlerischen Leistungen des Chores, ein triumphaler Erfolg.

Wegen der kurzfristigen Absage der Flüge ist völlig unklar, ob wenigstens ein Teil der Kosten erstattet wird. Auch der eigene fnanzielle Anteil der Schüler scheint verloren. Der Wernigeröder Metallbauer Heinrich Brasche hatte zum Beispiel anlässlich eines runden Geburtstages seine Gäste um Spenden für die Chorreise gebeten. Auch sie scheinen verloren. Insgesamt wurden rund 50 000 Euro eingeworben und weitere 15 000 Euro f nanziert. Die Schulleitung wird sich in den nächsten Tagen noch einmal persönlich an die Förderer und Freunde des Chores wenden.

Am Sonnabend traten lediglich Peter Habermann, der künstlerische Leiter des Rundfunk-Jugendchores, und Frank Engel, der Leiter der Berliner Künstleragentur, die Reise nach Seoul an, um mit der koreanischen Agentur Vincero die weiteren Schritte zu klären. Schon jetzt ist klar, dass der fnanzielle und künstlerische Verlust unermesslich ist. Habermann schrieb aus Korea :

Zunehmend

realisiere ich

das Ausmaß der

Katastrophe

" Es ist ein sehr eigenartiges Gefühl, nun allein hier sein zu müssen. Ständig habe ich den Klang der Stücke im Ohr, die gesungen werden sollten, und zunehmend realisiere ich das Ausmaß der Katastrophe, zumal es auch der Abschluss eines erfolgreichen Schuljahres und der Höhepunkt für die nächste Zeit sein sollte ... "

In Seoul erfuhr Habermann auch vom Schicksal des Jugendchores aus Kapstadt unter André von der Merwe, der beim Zwischenstopp in Dubai für Tage festsaß, weil die koreanische Regierung die Einreise verboten hatte.

Die Nacht über blieb der Chor im Wernigeröder Internat wach und versuchte mit den Lehrern und Betreuern Trost zu fnden. Besonders die Sänger der 12. Klassen waren betroffen. Die Tränen f ossen. Ihnen blieb nur noch, die Chorkleidung abzugeben und die Heimreise in ihre Wohnorte in ganz Deutschland anzutreten.