Wie war das eigentlich vor 20 Jahren mit Neustadt an der Weinstraße und Wernigerode ? Dieser Frage gingen Zeitzeugen bei einer Podiumsdiskussion in der Remise nach. Es wurde eine unterhaltsame Stunde mit einer echten Überraschung.

Wernigerode. Draußen auf dem Marktplatz schunkelten die Gäste des Weinfestes zu den Stimmungsliedern der " Rieslingspatzen ". Drinnen in der Remise des Kunst- und Kulturvereins schauten am Freitag gut 40 Interessenten zunächst einmal " Aktuelle Kamera " und eine Sequenz des Süddeutschen Rundfunks. Thema beider : Der historische Besuch der Wernigeröder Delegation vom 25. Februar bis zum 1. März 1989 in Neustadt an der Weinstraße.

Zu erleben waren dabei u. a. eine sehr konzentriert in die Kamera blickende Vize-Bürgermeisterin Rita Ahrens und ein gut gelaunter Bundeskanzler Helmut Kohl.

Ob dessen Gespräch mit den Harzern denn inszeniert war, wollte Volksstimme-Regionalreporter Tom Koch als Moderator der Runde von Dieter Ohnesorge ( CDU ) wissen. Neustadts Alt-Oberbürgermeister dementierte dies nicht ausdrücklich. Ohnesorge erinnerte sich vielmehr, dass Kohl damals an einer Meisterfreisprechung in dem Hotel teilgenommen hatte. Nach einem Anruf bei seiner Vorzimmerdame, zeigte er sich sofort bereit, die Wernigeröder zu empfangen.

Die völlig ahnungslos waren, schmunzelte Rita Ahrens ( damals SED ). Die heutige Kulturamtschefin der Stadt : " Da blieben Löffel, Messer und Gabeln erstmal liegen. " Es wäre im Übrigen beinahe nichts geworden aus der Westreise. Die Delegationsleiterin hatte den Beleg über den Devisen-Umtausch bei der Staatsbank der Deutschen Demokratischen Republik daheim auf dem Küchentisch liegengelassen. Eine Stunde lang prüften die Zöllner am Grenzübergang Hersfeld, ob tatsächlich alles stimmte mit den Ost-Touristen.

Als erste deutsche Städte hatten Saarlouis und Eisenhüttenstadt am 25. April 1986 eine Partnerschaft besiegelt. Jene zwischen Wernigerode und Neustadt ist bereits die 51. gewesen, vermerkte Dieter Ohnesorge. Er selbst stammt aus Ostpreußen. Verwandtschaft des Vaters lebte in Dresden, und er hatte sie bis 1976 regelmäßig besucht. " Für mich war das ein Herzensanliegen ", versicherte der Christdemokrat. Er gestand : Etliche seiner Parteifreunde hätten sich mit den Kommunisten schwer getan.

" Für uns war die Motivation die gemeinsame Sprache und Kultur "

" Ein kleines Detail ", steuerte Rainer Schulze bei. Wolfgang Stumph, Wolfgang Schaller und er waren seit 1986 im Besitz von Reisepässen, damit sie als Kabarettisten in der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn auftreten konnten. Dabei ging es auch darum, welche ostdeutsche Kommune als Partner für das im Wahlkreis von Bundeskanzler Helmut Kohl ( CDU ) gelegene Neustadt an der Weinstraße in Frage käme. Auf keinen Fall eine, die unansehnlich war. Schulze : " Da habe ich heftig die Hand gehoben. Wernigerode sieht ja ganz gut aus. " " Vielleicht ", so der Künstler, " hat das den Ausschlag gegeben ".

Neustadts Kulturdezernent Lutz Frisch befand : " Für uns war die Motivation die gemeinsame Sprache, Geschichte und Kultur. " Deshalb hat die Beziehung zu Wernigerode von Anfang an " eine Sonderstellung eingenommen ". Frisch : " Man muss diese Flamme auch nähren und wachhalten. "

Das möchte auch Peter Gaffert gern. Der Oberbürgermeister : " Wenn man die Entwicklung verfolgt hat, glaube ich, ist es schon sehr wichtig, miteinander zu reden und nicht übereinander. " Die Eröffnung des Weinfestes ist ein Beleg dafür, dass diese Partnerschaft " hervorragend funktioniert ".

Die Diskussion neigte sich dem Ende zu, als der Autobahnstau-geplagte Hans Georg Löffler die Remise erreichte. Neustadts gerade wiedergewählter CDU-Oberbürgermeister betonte zum nächsten Jubiläum : " Mit Sicherheit werden wir in fünf Jahren nicht nur auf Verwaltungsebene feiern. " Wichtigster Ansatz ist es aus seiner Sicht, jungen Menschen das Besondere dieser Partnerschaft zu vermitteln.

Für Tom Koch ein Punkt zum Nachhaken. Ob denn ein Austausch von Lehrlingen zwischen beiden Rathäusern denkbar sei, wollte der Moderator wissen. " Von unserer Seite aus ist das durchaus erwünscht ", öffnete Hans Georg Löffler die Tür für ein weiteres Kapitel Städtepartnerschaft zwischen Neustadt an der Weinstraße und Wernigerode.