Über die Himmelsscheibe von Nebra wurde seit ihrer Entdeckung 1999 viel geforscht. Weitgehende Einigkeit herrscht inzwischen darüber, dass es sich um eine knapp 4000 Jahre alte Himmelsdarstellung handelt. Unsere Leserin Helga Lehmann staunte deshalb nicht schlecht, als sie die Himmelsscheibe in einer Bibeldarstellung entdeckte – aus dem 15. Jahrhundert.

Magdeburg. Stammt die Himmelsscheibe vielleicht gar nicht aus der Bronzezeit ? Oder gab es mehrere Scheiben ? Helga Lehmann, eine kunstinteressierte Rentnerin aus Klötze, staunte jedenfalls nicht schlecht, als sie auf die besagte Abbildung in einem alten Buch mit Motiven aus der christlichen Mythologie stieß. " Ich war völlig überrascht von der Ähnlichkeit der Darstellung ", sagt sie.

Die Abbildung stammt aus einer französischen Bibel des 15. Jahrhunderts, die sich im Besitz der Nationalbibliothek Paris befindet. Sie zeigt Gott, das Weltall haltend. Das Weltall ist in Form einer blauen Scheibe dargestellt, auf der ganz ähnlich wie auf der Himmelsscheibe Sterne, die Sonne und der Mond angeordnet sind. Die Scheibe aus dem 15. Jahrhundert zeigt allerdings auch einen Felsen, den es auf der Bronzezeit-Scheibe nicht gibt. Trotzdem ist auch für den Laien die Ähnlichkeit der Abbildung mit dem bei Nebra im Burgenlandkreis gefundenen Bronzeteller erstaunlich.

Mirko Gutjahr, Mittelalterspezialist im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle, war auch an den Forschungsarbeiten zur Himmelsscheibe beteiligt. In dieser Funktion hat er sehr viele historische Himmelsdarstellung in Augenschein genommen ( siehe Abbildungen ). " Mir persönlich war die bewusste Darstellung aus der französischen Bibel aber auch nicht bekannt. " Darstellungen Gottes bei der Erschaffung der Welt seien in der Kunst des hohen und späten Mittelalters aber durchaus geläuf g.

Gutjahr glaubt, dass die scheinbare Übereinstimmung der Weltdarstellung mit der Himmelsscheibe nur zufällig ist. " Bei genauer Betrachtung erkennt man einige auffällige Unterschiede. " Im Mittelpunkt der mittelalterlichen Scheibe sei ein Felsen mit flacher Oberfläche zu erkennen, umgeben mit konzentrischen unregelmäßigen Kreisflächen, auf dem Sterne, Sonne und Mond angebracht sind. " Solche mittelalterliche Darstellungen zeigen das ptolemäische Weltbild, das den Kosmos in verschiedene Sphären einteilt ", erklärt der Wissenschaftler. Ptolemäus lebte im Zeitraum von 90 bis 168 nach Christus. Ähnliche Vorstellungen vom Weltbild fnden sich aber schon im alten Ägypten und Babylon.

Dieser Gelehrte stellte in seinem " Almagest " die Erde – hier sinnbildlich als ein Felsen inmitten des " Weltmeers " ins Bild gesetzt – von einer Anzahl konzentrischer Sphären umgeben dar. Gutjahr : " Diese Spähren umhüllen die Welt wie Schichten einer Zwiebel. " Zur Welt gehören die Sonne, der Mond, die Planeten und die Fixsterne. Dieses sphärische Modell findet sich damals auf sehr vielen Darstellungen. " Dieses Weltbild hatte bis ins Spätmittelalter Gültigkeit, auch wenn im Hochmittelalter schon einige berechtigte Zweifel von Gelehrten überliefert sind. Erst Kopernikus löste dieses heliozentrische Weltbild ab ", erläutert Gutjahr.

Also ist Leserin Helga Lehmann keiner wissenschaftlichen Sensation auf die Spur gekommen ? " Leider nicht ", bedauert der Historiker schmunzelnd. " Beide Darstellungen sind sich zwar sehr ähnlich. Aber beide zeigen etwas Ähnliches, weil sie die frühe Auffassung der Menschen vom Kosmos und dem Weltenraum widerspiegeln.