Wernigerode. Die Seniorentage der Stadt fanden auch in diesem Jahr großen Anklang. Zum Auftakt wurde am Montag um 15 Uhr im Wernigeröder Rathaussaal der Film " Raus hier " vorgeführt.

Mit Getränken und Knabberei versorgt, sahen die Senioren das Resultat eines Schülerprojekts, welches sich mit dem Schicksal von Wernigeröder Juden während der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt. Unter der Leitung der Stadträtin Renate Goetz und mit Unterstützung des Offenen Kanals hatten sich Gymnasiasten auf Spurensuche begeben.

Für den Film verwendeten sie Bilder aus dem Stadtarchiv, befragten Zeitzeugen und fanden Häuser und Läden in der Stadt, die Schauplatz von Judenhass und -verfolgung gewesen sind. Auf diese Weise gewährten sie den Zuschauern einen Einblick in die Veränderungen im Leben von sechs jüdischen Einwohnern. Der von den Schülern gewählte Untertitel " enteignet, vertrieben, ermordet " lässt sich auf fast jeden von ihnen übertragen. Das nachdenkliche Schweigen, das den Saal erfüllte, als der Film beendet war, ließ keinen Zweifel an dessen Wirkung.

In der anschließenden Gesprächsrunde erzählten einige Teilnehmer von ihren Erfahrungen und Erinnerungen aus dieser Zeit. " 1933, nach dem Tag, an dem Hitler an die Macht kam, musste unser jüdischer Schuldirektor Dr. Regensburger sein Amt verlassen ", erinnerte sich die 1922 geborene Regina Winkelmann, " Wir Kinder waren ratlos und fassungslos. Uns wurde nur gesagt, dass er nicht mehr Direktor ist. " Auch während ihres Studiums erlebte sie die Hetze gegen die Juden hautnah mit. " Eine Studentin hatte einem jüdischen Menschen, der hingefallen war, aufgeholfen ", erinnerte sie sic, und fügte hinzu: " Die junge Frau wurde von der Universität entlassen. "

Christa Uhlmann erlebte die Reichskristallnacht in Chemnitz: " Unsere Schule war etwa 200 Meter von der Synagoge, die in Flammen stand und deren Scheiben zerbrochen waren, entfernt. Ich kann mich noch entsinnen, dass wir uns das nicht erklären konnten. " In der Stadt seien Schaufenster eingeschlagen und Läden ausgeraubt worden, alles sei völlig zerstört gewesen. Die Wernigeröderin: " Die ganze Stadt war ein einziger Scherbenhaufen, ein einziger Kristallhaufen. "

Nachdem die große Gesprächsrunde beendet war, klang der Nachmittag mit einem gemütlichen Beisammensein aus.

Am Dienstag fand eine Fahrt zum Kloster Huysburg mit anschließendem Kaffeetrinken in der Sargstedter Warte statt. Zum Abschluss der Wernigeröder Seniorentage referierte Dr. Angela Koch gestern zu " Möglichkeiten und Grenzen der Akupunktur in der modernen Medizin ". Diese Veranstaltung wurde im Senioren- und Familienhaus, Steingrube 8, ausgerichtet.