Was wird aus den Kleingärten im Nesseltal ? Auf diese Frage erwarteten am Donnerstag nicht nur 76 Pächter eine klare Antwort von der Stadtverwaltung. Etwa 150 Hasseröder drängten sich im überfüllten Hörsaal 4 der Hochschule Harz. Sie alle können hoffen : Der Flächennutzungsplan in seiner jetzigen Fassung dürfte keine politische Mehrheit f nden.

Wernigerode. " Klarheit schaffen und Missverständnisse ausräumen ", wollte Burkhard Rudo eigenem Bekunden nach am Donnerstagabend. Dazu hatte Wernigerodes Baudezernent personell nicht gekleckert, sondern geklotzt. Neben ihm im Podium saßen Stadt- und Verkehrsplanungschef Hans-Dieter Nadler, dessen Mitarbeiterinnen Diana Waberski und Bianca Cöster, Kerstin Trute als Leiterin des Sachgebietes Liegenschaften sowie Bernd-Otto Bennedsen, Umweltplaner eines Langensteiner Büros.

Ihnen gegenüber drängten sich gut 150 Hasseröder im Hörsaal 4 der Hochschule Harz auf dem Gelände an der Friedrichstraße. Einige von ihnen waren offensichtlich nicht sonderlich an längeren fachlichen Exkursen interessiert. Sowohl Rudo als auch Nadler wurden mehrfach aufgefordert, ihre Ausführungen zu beenden. Letzterer fügte sich seinem Schicksal.

Wenig Glauben schenkten Gartenfreunde und Anwohner offensichtlich den wiederholten Bekundungen, der neue Flächennutzungsplan mit dem vom allgemeinen Wohnbaugebiet zum Sonderbaugebiet für Freizeit und Tourismus mutierten Nesseltal-Areal ist lediglich als strategische Zielrichtung für die nächsten zehn bis 15 Jahre zu sehen. Dies bedeutet keineswegs, dass dort plötzlich etwas Neues errichtet werde. Dafür bedarf es erst noch eines Bebauungsplanes. Hans-Dieter Nadler betonte : " Es gibt noch keine konkreten Absichten eines Investors. "

Das hatten zumindest die Mitglieder der für den Erhalt der 76 Parzellen gegründeten Bürgerinitiative anders in Erinnerung. So monierte u. a. deren Mitinitiator Dietrich Rahner, dass er " aus purem Zufall " im Februar ein Papier mit Erweiterungsplänen für den Hasseröder Ferienpark auf den Tisch bekommen habe. Plötzlich sei aber nicht mehr die Rede davon.

" Das Ding, wie es jetzt da steht, ist schon völlig falsch ", stellte Martin Pfuhl fest. Der Nordrhein-Westfale besitzt eine Ferienwohnung am Schmiedeberg. Sechs Wochen im Jahr verbringen er und seine Gattin dort ihre Ferien, " weil Hasserode schön ist ", erklärte Pfuhl unter lautem Beifall. Aber : " Das jetzige Verfahren läuft in die falsche Richtung. "

" Der Umweltbericht ist aus unserer Sicht eine Katastrophe ", attestierte Gunter Karste dem Verfasser ein vernichtendes Urteil. Der Naturschutzbund Deutschland habe dazu eine " sehr sachliche Stellungnahme verfasst ", betonte der Biologe. Karste warnte zudem : " Der Tourismus lebt auch von der Atmosphäre drumherum. " Deshalb müsse im Fall Nesseltal alles nochmals gründlich überdacht werden.

Letzteres würde auch Siegfried Siegel gern. Das Mitglied des Bau- und Umweltausschusses kritisierte u. a ., noch keinerlei Unterlagen zum Abwägungsverfahren erhalten zu haben. Dabei tagt das Gremium am 25. Mai, und der Rat soll den Bebauungsplan bereits drei Tage später beschließen. " Für eine sachliche Bewertung fehlt die Zeit ", zürnte der SPDMann. Im Übrigen halte er die jetzige Bebauung des Ferienparks in seiner Größe für Wernigerode angemessen. Siegfried Siegel : " Ich meine, die Stadt hält genügend andere Flächen vor. " Deshalb braucht sie Hasserode für weitere Freizeitangebote nicht.

" Ich bin seit vier Jahren Blickfanggeschädigter ", konstatierte Dieter Eilers vom Kapitelsberg. Bei der damaligen Errichtung der Anlage habe er keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern. Später sei ihm dann klar geworden, dass z. B. die Zahl der vorgeschriebenen Parkplätze deutlich unterschritten und der Mindestabstand zu den angrenzenden Grundstücken nachträglich von drei auf 1, 50 Meter verringert worden sei. Dieter Eilers : " Da geht die Rutsche durchs Wohnzimmer der Anwohner. " Und, so seine Befürchtung : " Vertrauen Sie Ihren Albträumen. Es wird noch schlimmer !"

Andrea Fellbaum fehlte bei der ganzen Diskussion die " wichtige Information : Was können wir tun, um das zu verhindern ?"

" Sie können ein Normenkontrollverfahren anstrengen ", entgegnete Burkhard Rudo. Gleichzeitig gab der Dezernent solch einer gerichtlichen Prüfung aber wenig Chancen auf Erfolg.

Neben Siegfried Siegel saßen bzw. standen noch zwölf weitere Stadträte im Hörsaal. " Ich fnde es richtig, dass Sie dieses Forum wünschen und fordern ", erklärte beispielsweise Uwe-Friedrich Albrecht ( CDU ). Der Stadtratspräsident bezweifelte, dass der 28. Mai als Termin für den Beschluss zu halten sei und forderte einen Kompromiss.

Diese Auffassung vertraten auch Angela Gorr ( CDU ), Helmut Porsche ( Haus & Grund / FDP-Fraktion ), Hartmut Labbow, Prof. Volker Reinhold ( beide SPD / Grüne ) und Henning Schlömp ( Linke ).

Nach gut zwei Stunden einer teils emotional geprägten Debatte war für Burkhard Rudo und seine Kollegen noch längst nicht Feierabend. Bis gegen 22 Uhr hatten sie noch für individuelle Anliegen zur Verfügung gestanden, sagte der Baudezernent auf Nachfrage. Über die heftigen Reaktionen sei er " doch überrascht gewesen ". Immerhin hatten viele der Gartenpächter und Anwohner während der Auslegungsphase das Gespräch mit den Mitarbeiterinnen gesucht. Diese seien danach schon der Meinung gewesen, ausreichend geantwortet zu haben.

Rudo bekräftigte sein Versprechen vom Donnerstag, der Stadtrat werde ohne eine Zustimmung der Bürger kein Votum abgeben. Allerdings besteht da ein gewisser zeitlicher Druck, denn wegen des Endes der freiwilligen Phase im Rahmen der Gebietsreform muss der Flächennutzungsplan zum 30. Juni Rechtskraft erlangen. Rudo : " Ansonsten sind die Mühen der vergangenen Jahre umsonst gewesen. "

Welcher Fall eintritt, bleibt zunächst offen. Laut Rudo wird in seinem Haus gerade feberhaft an mehreren Varianten für einen von den Nesseltalern akzeptierbaren Kompromiss gefeilt. Wie der aussehen könnte, sagte er ( noch ) nicht.