Oberbürgermeister Peter Gaffert hat die Tradition seines Amtsvorgängers Ludwig Hoffmann fortgesetzt. Gemeinsam mit Stadtratspräsident Uwe-Friedrich Albrecht hat er rund 100 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kirchen und Vereinen zum 12. vasten-colleg in den Rathausfestsaal eingeladen. Besonders herzlich begrüßt wurden die Ehrengäste Hans-Dietrich Genscher und Claus Friedrich Holtmann.

Wernigerode. Was Ludwig Hoffmann vor zwölf Jahren aus der Taufe gehoben hat, setzte sein Nachfolger erfolgreich fort. Am Dienstag vor Ostern begrüßte Oberbürgermeister Peter Gaffert gemeinsam mit dem Stadtratspräsidenten Uwe-Friedrich Albrecht fast 100 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kirchen und Vereinen zum vasten-colleg. Es ist ein " gut klingendes " Kunstwort, " das nichts anderes bedeutet, als Zusammenkunft in der Fastenzeit ", erklärte Gaffert.

Angelehnt ist die Tradition, bei gutem Essen und klugen Reden einmal im Jahr zusammenzukommen, an die Schenkung des heutigen Rathauses durch den Wernigeröder Grafen Heinrich an die Bürgerschaft. Das war vor 582 Jahren. Zwei Ereignisse mit nachhaltiger Wirkung der heutigen Zeitgeschichte bestimmten die Reden des Abends : der Mauerfall vor 20 Jahren und die aktuelle Finanzkrise.

Mit dem damaligen bundesdeutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher war es Gaffert gelungen, einen gleichermaßen prominenten wie profunden Kenner jener zutiefst bewegenden deutschdeutschen Schicksalstage nach Wernigerode zu holen.

Mit dem Polizeiauto durch den dichten New Yorker Verkehr

Genscher berichtete von seinen Verhandlungen mit dem DDR-Außenminister Oskar Fischer während der UNO-Vollversammlung in New York. Auch mit seinem sowjetischen Amtskollegen habe er 1989 über das Schicksal der Prager Botschaftsflüchtlinge gesprochen. Als endlich eine Lösung greifbar schien, war es ein New Yorker Polizist, der mit Blaulicht und seinem Streifenwagen den Diplomaten Genscher durch den dichten Feierabendverkehr der Millionenstadt in die Botschaft zu Eduard Schewardnadse gefahren habe. Hans-Dietrich Genscher blickte in seiner Festrede jedoch nicht nur auf 1989 / 90 und die deutsche Einheit zurück. Er bezeichnete die Gründung der Europäischen Gemeinschaft durch drei große und drei kleine Staaten als Modell einer künftigen Weltordnung. Belgien, Luxemburg und die Niederlande, Frankreich, Italien und Deutschland hätten damals erstmals das Prinzip der Gleichberechtigung – unabhängig von Staatengrößen – eingeführt. Genscher hofft, dass das neue Politikverständnis des US-Präsidenten Barack Obama dazu beitragen könne, die internationale Welt davon zu überzeugen, dass es keine Alternative zur Kooperation geben kann. Genscher zitierte ein chinesisches Sprichwort : " Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windräder. " Er habe sein Leben lang stets darauf geachtet, bei den Windrädern zu sein.

Traditionell folgte dann die sogenannte Bratenrede, die einem " Insider des ostdeutschen Finanzsystems " vorbehalten war, wie Gaffert Claus Friedrich Holtmann angekündigt hatte. Der Geschäftsführende Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes verstand es, mit verständlichen Worten und humorvollen Einlagen für eine kurzweilige Unterhaltung bis zum Servieren der Nachspeise zu sorgen.

Von der Wende " vollständig überrascht " und " DDR-unbelastet ", sei er im November 1990 " eingewandert " und habe Aufbauhilfe geleistet. Nach heute 19-jähriger Erfahrung bekannte Holtmann freimütig, diesen Lernprozess im Osten möchte er nicht mehr missen.

Sogar Frauen können erfolgreich Sparkassen führen

Der Sparkassen-Präsident habe schnell große Unterschiede festgestellt : Bemerkenswert der hohe Frauenanteil im Osten – mit der überraschenden Feststellung in westdeutschen Chefetagen, " sogar Frauen können erfolgreich Sparkassen führen ". Ohnehin, die ostdeutschen Sparkassen seien inzwischen wirtschaftlich erfolgreicher als jene in den alten Ländern. Die einfache Erklärung von Claus Friedrich Holtmann dafür : " Wir haben mit Krisen einfach mehr Erfahrungen. Wir im Osten sind schließlich gelernte Habenichtse, im Westen leben die ungelernten. "