Wolmirstedt l Neun Hausärzte gibt es in Wolmirstedt. Vier davon sind älter als 70 Jahre alt und praktizieren noch immer. Zwei weitere haben den 60. Geburtstag bereits gefeiert. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Bei Fachärzten zeichnet sich künftig eine ähnliche Situa- tion ab. Von 22 praktizierenden Fachärzten sind fünf bereits älter als 65 Jahre alt. Der Alterdurchschnitt beträgt hier allerdings "bloß" 55,36 Jahre.

Der Allgemeinmediziner Doktor Ernst Riemann ist 76Jahre alt und noch immer im Dienst. Zusammen mit zwei weiteren Hausärzten betreibt er eine Gemeinschaftspraxis. "Wir können keine neuen Patienten mehr aufnehmen", sagt er. Die Kartei sei voll. Das volle Wartezimmer spricht Bände. Auch Dr. Martina Schauen ist längst am Limit. Die 62-Jährige kennt sich neben der Medizin auch mit der Homöopathie und Akupunktur aus. Deshalb kommen Patienten auch von weiter her. "Ich arbeite zehn Stunden täglich", sagt die 62-Jährige, "hinzu kommen Nachtdienste und am Wochenende widme ich mich der Büroarbeit. Mehr geht nicht." Neue Patienten müssen abgewiesen werden. Wie auch bei Dr. Peter Sülldorf, der mit 74 Jahren noch immer praktiziert.

Trotz der Überfüllung gilt für alle Ärzte, dass sie Patienten in Notlagen nicht abweisen. Sie werden nach Ärzteaussagen überall umgehend behandelt.

Junge Mediziner von Bürokratie abgeschreckt

Ein Blick in die Statistik zeigt, Wolmirstedt gilt mit einem Versorgungsgrad von 107 Prozent bei Hausärzten derzeit als beinahe überversorgt. Dieses positive Bild ist aber allein der langen Lebensarbeitszeit der praktizierenden Ärzte geschuldet. "In der hausärztlichen Versorgung ist erst ein Versorgungsgrad von unter 75 Prozent Anlass für Untersuchungen, ob eine Unterversorgung vorliegt", heißt es von der kassenärztlichen Vereinigung.

Prekär wird die Lage, wenn die vier über 70-Jährigen Hausärzte ihre Praxistüren für immer schließen. Bereits im vergangenen Jahr haben zwei Allgemeinmedizinerinnen aus Altergründen das Stethoskop für immer abgelegt. Nachfolger gibt es nicht.

"Viele junge Mediziner schreckt die Bürokratie ab", hat Dr. Ernst Riemann beobachtet. Auch er mag sich mit dem jetzigen Kassensystem nicht anfreunden. "Viele Leistungen sind budgetiert", sagt er, das passe nicht zur Tagesarbeit eines Allgemeinmediziners.


Die Kassenärztliche Vereinigung hat das Problem längst erkannt. "Das Problem ist, dass die Mangelsituation an Ärzten nicht nur vereinzelt lokal, sondern weitläufig auftritt", sagt Pressesprecher Bernd Franke. Ein ganzer Maßnahmenkatalog, der bereits über die vergangenen 15 Jahre entwickelt wurde, soll das Problem lösen. Die neueste Ergänzung darin ist das Stipendienprogramm für Medizinstudierende, die sich frühzeitig entscheiden, in Sachsen-Anhalt Hausarzt werden zu wollen.

Lage in Wolmirstedt ist prekär, aber nicht hoffnungslos

Ob das für Wolmirstedt künftig greift, bleibt abzuwarten. Im Zuge der demografischen Entwicklung wird der Bedarf an ärztlicher Versorgung steigen. Statistische Daten aus dem Jahr 2012 sagen, dass rund ein Fünftel der Wolmirstedter älter als 65 Jahre ist. In den vier Ortsteilen der Stadt gibt es schon längst keine Arztpraxen mehr. Dennoch mag Dr. Ernst Riemann trösten. "Es ist hier in Wolmirstedt selbst noch nicht so schlimm, wie im ländlichen Bereich."