Mit Blumen, Geschenken und unendlich vielen netten Worten wurde Günter Hille gestern von seiner Arbeit im Rathaus verabschiedet. Der Wittmunder hat den Haushalt des Jahres 2013 abgeschlossen. "Mit einem tollen Sollüberschuss", betont der Ostfriese.

Wolmirstedt l Es ist eine wundersame Geschichte, die sich im Wolmirstedter Rathaus ereignet hat. Im ihrem Mittelpunkt steht der Haushaltsabschluss 2013.

Der Beginn der Geschichte ist traurig. Gudrun Lasner, die Kämmerin der Stadt Wolmirstedt, erkrankte im vergangenen Sommer schwer. Am Silvestertag ist sie gestorben.

Und im Sommer 2013 änderte sich im Rathaus noch mehr. "Am 1. August wurde die Neuorganisation der Verwaltung in Kraft gesetzt", erklärt Bürgermeister Martin Stichnoth (CDU). Weiterhin nutzten Rathausmitarbeiter die Möglichkeit, in Altersteilzeit zu gehen. Und dann war noch ein großer Berg zu besteigen. Der kamerale Haushalt musste zum 1. Januar 2014 in den doppischen Haushalt überführt sein. Alle Verlängerungsfristen waren zu diesem Zeitpunkt abgelaufen. Alles zusammen ergab ein ordentliches Personalproblem.

Der Fachdienstleiter Finanzen Marco Kohlrausch erledigte die Einführung der Doppik. Doch niemand war da, der den kameralen Haushalt 2013 abschließen konnte. "Es hatte keinen weiteren Kämmerer neben Frau Lasner gegeben", sagt Bürgermeister Stichnoth, "sie war für den Haushalt der Dreh- und Angelpunkt." Sie habe sich ständig mit dem Bürgermeister Hans-Jürgen Zander abgestimmt, so Stichnoth weiter, "aber auch der ist nicht mehr da." Zander war bereits am 20. November 2012 verstorben.

Nachbargemeinden konnten Wolmirstedt nicht helfen

Martin Stichnoth fragte in Barleben nach Amtshilfe. Dort konnte niemand entbehrt werden. In der Niedere Börde ebensowenig. Dann kam von Barleben der entscheidende Tipp. Dort hatten nach der Wende Mitarbeiter der Wittmunder Verwaltung geholfen. Unter ihnen war der Kämmerer Günter Hille. Der 66-Jährige ist inzwischen in Rente, aber der Barleber Bürgermeister Franz-Ulrich Keindorff (FDP) ermutigte den Wolmirstedter Bürgermeister, doch mal in Wittmund zu fragen. Stichnoth erschien der Vorschlag zunächst suspekt. In gepflegtem Bördedeutsch drückte er das so aus: "Wa? `n Rentner aus Wittmund?"

Aber dann rief er in der Barleber Partnerstadt an. An einem Abend Anfang Dezember klingelte bei Günter Hille das Telefon. Beide Männer trennen 30 Jahre und 366 Kilometer. Beides war schnell überbrückt. "Bei Begegnungen entscheiden die ersten drei Sekunden über Sympathie", sagt Martin Stichnoth, "nach den ersten drei Sekunden unseres Telefongespräches dachte ich, na der ist ja lustig." Günter Hille dachte über Martin Stichnoth, "jung und dynamisch."

Das Persönliche war also schnell geklärt. Die Sache mit dem Haushaltsabschluss auch. "Ich komme am 20. Dezember nach Wolmirstedt, Sie müssen sich um die Übernachtung kümmern", soll Günter Hille gesagt haben. So geschah es. Nach dem 20. Dezember und einem Treffen im Rathaus war klar, Günter Hille wird Wolmirstedt helfen. Ohne Gehalt. Die Stadt trägt die Kosten für Kost, Logis und Tankfüllungen.

Dafür hat Günter Hille 35Tage in Wolmirstedt verbracht, davon 28 Tage gearbeitet, in 258 Stunden das Entlastungsverfahren für das Haushaltsjahr 2012 eingeleitet, die Problemzonen des doppischen Haushaltes aufgezeigt und die Jahresrechnung des kameralen Haushalts 2013 aufgestellt. "Die Stadt hat 2013 mit einem tollen Soll abgeschlossen", sagt der Kämmerer. Gudrun Lasner bescheinigte er postum "eine sehr gute Arbeit."

Künftig ist Marco Kohlrausch Herr über die Finanzen

In Zukunft werden Marco Kohlrausch und seine Mitarbeiter den doppischen Haushalt unter den Fittichen haben. Kohlrausch hat erst vor wenigen Tagen die schriftliche Prüfung seiner nebenberuflichen Ausbildung zum Finanzbuchhalter abgelegt. Über die Arbeit mit Hille, dem Ostfriesen, sagt er: "Mir bleibt vor allem der Mensch im Gedächtnis. Günter Hille passt in die Welt und trug dazu bei, das Klima im Team zu verbessern."

Schlechtes Klima würde der Wittmunder Frohnatur ohnehin nicht stehen. Günter Hille ist Vorsitzender der Hans-Hermann-Singers, einer Gesangsgruppe, deren Repertoire vom Shanty über Schlager und Stimmungslieder bis hin zu Volksliedern reicht. "Wenn es meine musikalischen Verpflichtungen erlauben, komme ich gerne mit meiner Frau wieder nach Wolmirstedt", verspricht Günter Hille. Auf jeden Fall wird er auf der Stadtratssitzung am 22. Mai dabei sein. Da wird über den Haushalt gesprochen. Wenn nötig, wird er den Stadträten Rede und Antwort stehen. Fangfragen fürchtet er nicht. "Es gehört schon eine Menge dazu, mich mundtot zu machen."