Auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses wurde eine Statue gefunden. Die Venus aus Sandstein war beinahe komplett von Efeu und anderen Pflanzen überwuchert. Künftig soll die Dame vor dem gerade erst bezogenen Generationenhaus der AWG stehen.

Wolmirstedt l Die Kralle eines Baggers reißt Stück für Stück aus der Mauer des ehemaligen Krankenhauses. Ein Wasserstrahl hält den Staub in Schach. Abseits dieser Abbrucharbeiten steht eine pummelige Schöne. Sie steht dort schon lange, ihr Körper ist zart bemoost und über ihren Rücken zieht sich eine Narbe. Die Schöne trägt den Namen Venus und wurde vor rund 45 Jahren vom Bildhauer Dieter Borchardt geschaffen.

Venus wurde von den Bauarbeitern entdeckt. Sie war gut versteckt, Efeu und andere Gewächse hatten sie umgarnt und umschlungen. Die Bauarbeiter entfernten das Grün und informierten die Stadtverwaltung über den Fund. Die stellvertretende Bürgermeisterin Marlies Cassuhn vermutete den Magdeburger Bildhauer Wolfgang Roßdeutscher als Schöpfer der Figur und lud ihn ein.

Wolfgang Roßdeutscher erkannte schon von weitem, dass die Figur nicht von ihm geschaffen worden war. "Das war der Bildhauer Dieter Borchardt", sagte er, "und zwar während eines Symposiums in Ummendorf, in den frühen 70er Jahren." Damit platzte der Traum, dass Wolfgang Roßdeutscher die Figur bei Bedarf restaurieren würde. "Die fasse ich nicht an, das darf ich gar nicht", wehrte er ab. Wegen der Urheberrechte. Er könne nicht einfach am Werk eines anderen Künstlers arbeiten, stellte er klar. Also muss das gegebenenfalls der Schöpfer selber tun oder seine Erlaubnis geben. Wo genau der lebt, konnte sein Bildhauerkollege Roßdeutscher nicht genau sagen, nur soviel: Dieter Borchardt ist beinahe 80Jahre alt. "Ich werde ihn finden", zeigte sich Marlies Cassuhn fest entschlossen.

Von allzugroßer Restaurierungswut riet Wolfgang Roßdeutscher jedoch ab. Mehr als Wasser, eine Wurzelbürste und eine Schicht, die vor Graffiti schützt, sollen nicht eingesetzt werden. "Auf gar keinen Fall darf jemand die Skulptur mit einem Kärcher reinigen", warnt Roßdeutscher, "das würde die Patina zerstören und die erhält die Form."

Die Venus ist aus Ummendorfer Sandstein gefertigt und der wird wie jeder Sandstein mit der Zeit dunkel. Dieser Sandstein wurde gar einst auf Weisung Friedrichs des Großen für Prachtbauten in Potsdam und Berlin verwendet.

Die "Narben", die am Rücken der Schönen hinunterlaufen, sind der Struktur des Sandsteins geschuldet. "Sandstein ist Schichtgestein", erklärt Wolfgang Roßdeutscher, und das zeige sich eben in solchen "Ritzen", die durch Toneinlagerungen entstanden sind. Sie seien einst an manchen Stellen mit Kunstharz zugekittet worden und der werde in der Sonne weiß. "Das lässt sich mit den Fingernägeln auskratzen", erklärt Roßdeutscher. Ansonsten gehören diese "Narben" schlichtweg zur Venus dazu.

Siegfried Bärhold, Chef der Allgemeinen Wohnungsgenossenschaft (AWG), will der Dame einen neuen Platz gewähren. Nach ersten Überlegungen sollte die Venus künftig auf dem Zentralen Platz residieren. Diese Überlegungen sind inzwischen über den Haufen geworfen worden. "Wegen der Statik und weil sie vom Stil her wohl nicht so richtig auf den Zentralen Platz passt", sagt der AWG-Chef.

Die Figur ist sehr schwer und braucht einen festen Untergrund. Bärhold sieht vor dem Wohnhaus "Wohnen Plus" in der Farsleber Straße 21 einen besseren Standort. Nur mit dem Sockel aus Beton mag er sich nicht anfreunden. "Naturstein wäre besser, vielleicht Granit." Siegfried Bärhold will sich darum bemühen. Die Kosten dafür und für die Umsetzung will die AWG tragen.

Auch wenn die Venus nicht von Wolfgang Roßdeutscher geschaffen wurde, zeigte sich der Künstler dennoch erfreut. "Oft werden solche Skulpturen bei Abrissarbeiten mit zerstört. Schön, dass hier so sorgsam damit umgegangen wird." Ganz vorsichtig berührt er die Venus seines Kollegen dann doch.