Auf Zeitreise an die Anfänge der Bahnhofstraße begab sich am Sonnabend ein gutes Dutzend Rogätzer. Margitta Häusler, die Vorsitzende der Heimat- und Kulturfreunde Rogätz, hatte zum historischen Dorfrundgang eingeladen.

Rogätz l Die Geschichte vor der eigenen Haustür erzählen, auf den Plätzen und Dorfstraßen steinerne und lebende Zeugen der Vergangenheit aufspüren - das ist das Anliegen der historischen Dorfrundgänge, die Margitta Häusler und ihre Rogätzer Heimat- und Kulturfreunde seit einigen Jahren organisieren.

Eisenbahnlinie nach Stendal wird 1849 fertiggestellt

Sie haben in Archiven gestöbert, Karten und Dorfpläne erkundet, mit Rogätzern gesprochen, alte Fotos und Dokumente - auch mit Unterstützung der Alteingesessenen - ausgegraben. Am Sonnabend ging es auf Entdeckungsspaziergang durch die Bahnhofstraße. Ihren Namen verdankt die Straße der 1849 fertig gestellten Eisenbahnlinie Magdeburg-Stendal-Osterburg.

Seit 1887 gab es die Station Angern, zuvor war Loitsche der Haltepunkt für Rogätz gewesen. Seit 1913 gibt es den Bahnhof Angern-Rogätz. Die Straße selbst wurde Margitta Häusler zufolge 1861 als Landstraße zwischen Wolmirstedt und Dolle erbaut. 1888 hatte sich hier eine Kalkbrennerei angesiedelt, die allerdings Anfang des 20. Jahrhunderts wieder aufgegeben wurde.

Viele Plantagen säumten einst die Bahnhofstraße. Von 1905 bis 1907 war eine Konservenfabrik errichtet worden. Hier wurden das in unmittelbarer Nachbarschaft angebaute Gemüse wie Spargel, aber auch Erdbeeren, Kirschen und anderes für Rogätz bis heute typisches Obst weiterverarbeitet.

Erinnerung an Mitstreiter Carl-Heinz Mewes

Ein wahrer Bauboom setzte Margitta Häusler zufolge in den 1930er Jahren an der Bahnhofstraße ein. Einige Jahre zuvor war das Umspannwerk an der Bahnhofstraße entstanden. Ärzte wie Dr. Banke (1936) und der Zahnarzt Bobzin (1938) bauten sich Häuser und Villen im für die 1930er Jahre typischen schlichten Stil, der mitunter an die Bauhaus-Architektur erinnert. Auch heute hat mit dem Allgemeinmediziner Holger Wetzel ein Arzt seine Praxis in der Bahnhofstraße.

Handwerker wie der Vater des kürzlich verstorbenen Tischlermeisters Carl-Heinz Mewes siedelten sich an der Straße an. Carl-Heinz Mewes war selbst Mitglied der Rogätzer Heimat- und Kulturfreunde gewesen und hatte die historischen Dorfrundgänge mit angeregt. Als kleiner Junge war er mit seiner Familie in die Bahnhofstraße gezogen. Margitta Häusler erinnerte gerührt an ihren Mitstreiter.

Auch die Firma Aldag, die Obstbau betrieb und ihre Produkte bis nach Hamburg und Berlin verkaufte, hatte ihren Sitz in der Bahnhofstraße.

Vielen Rogätzer gar nicht mehr bekannt ist die Tatsache, dass einst ein Sportplatz an die Bahnhofstraße lockte. 1924 hatte den Recherchen von Margitta Häusler zufolge die Gemeinde eine Fläche gekauft, die bis zum Zweiten Weltkrieg Sportplatz und Anlaufpunkt von Umzügen gewesen war. Während des Dorfrundgangs gezeigte Fotos erzählten Geschichten davon. Erst 1947 wurde der heutige Sportplatz auf dem Kapellenberg gebaut.

Seit 1961 ergänzen die heute "Altneubauten" genannten AWG-Blöcke die Wohnbesiedlung. In dem nach der Wende erschlossenen Gewerbegebiet siedelten sich weitere Gewerke wie ein Kfz-Service an, ebenso eine Lackiererei und ein Transportunternehmen, ein Fleischereibetrieb und natürlich auch das wohl bekannteste wirtschaftliche Aushängeschild von Rogätz, die Homann-Feinkost.