Im Zuge der Abrissarbeiten des ehemaligen Krankenhauses haben Bauarbeiter eine Plastik gefunden. Die Venus. Nun haben sich der Künstler Dieter Borchardt und AWG-Chef Siegfried Bärhold auf einen neuen Standort geeinigt.

Wolmirstedt l Die Venus wird künftig vor dem Generationenhaus "WohnenPlus" in der Farsleber Straße stehen. "Ich schenke sie Wolmirstedt", sagt ihr Schöpfer, Dieter Borchardt. Konkret beschenkt wird die Allgemeine Wohnungsgenossenschaft (AWG). Die wird die Venus in ihre Obhut nehmen, sich um die Umsetzung der Dame und einen neuen Sockel kümmern sowie eine Tafel anfertigen lassen, auf der der Name der Dame, des Künstlers und das Schöpfungsjahr vermerkt werden sollen.

So viel Engagement rührt Dieter Borchardt. Der 82-Jährige, der alle Treppen zu Fuß hoch und runter läuft und gern ein verschmitztes Lächeln aufsetzt, war gestern nach Wolmirstedt gekommen. Er ließ sich von AWG-Chef Siegfried Bärhold den neuen Standort zeigen und sah sich in der Stadt um. Nach der Prüfung von Alternativen kristallisierte sich jedoch der Standort in der Farsleber Straße als der perfekte heraus. Borchardt stimmt zu. Somit wird die pummelige Schöne bald von der Abrissstelle Krankenhaus vor ein neues, gerade bezogenes Haus ziehen.

Dieter Borchardt hatte durch die Volksstimme erfahren, dass seine Venus noch existiert. "Sie ist bei einem Bildhauer-Symposium in Ummendorf entstanden", erzählt er. Wann das genau war, könne er nicht mehr mit Sicherheit sagen, so dass die Sache mit dem Schöpfungsjahr vorerst im Vagen bleibt. Er schätzt, in den 1970-er oder 1980-er Jahren.

Erst habe die Venus an der Ohre gestanden, erinnert sich Dieter Borchardt, später sei sie auf das Krankenhausgelände umgestellt worden. Dort hat sie die Zeit überdauert. Nach der Schließung des Krankenhauses 2007 war sie einfach vergessen und von Efeu und anderem Grün eingehüllt worden. Bis Bauarbeiter genauer hinschauten, das Grün wegschnitten, eine Dame erkannten und ihre Entdeckung im Rathaus meldeten.

Die stellvertretende Bürgermeisterin Marlies Cassuhn hatte vermutet, dass Wolfgang Roßdeutscher der Künstler gewesen sei, aber als der sich bei seinem Besuch der Plastik näherte, erkannte er schon aus 100 Metern Entfernung die Handschrift von Dieter Borchardt. Sie seien beide Teilnehmer des besagten Symposiums gewesen und Wolfgang Roßdeutscher konnte sich gut an die Arbeit seines Kollegen erinnern. Nur eine Adresse oder eine Telefonnummer, die hatte er nicht.

Von dieser misslichen Lage berichtete die Volksstimme. Auf den Artikel hin meldete sich zunächst eine Verwandte des Künstlers und verriet die Telefonnummer Dieter Borchardts, später meldete sich der Künstler selbst. Da hatte längst Siegfried Bärhold sein Herz an die Plastik verloren und wollte die Sache mit den Urheberrechten klären, und überhaupt war er froh, dass es den Künstler noch gibt.

Venus sollte erst auf den Zentralen Platz umziehen. "Aber darunter ist eine Tiefgarage, ich weiß nicht, ob wir da mit der Statik Probleme bekommen", gibt Siegfried Bärhold zu bedenken. Der Platz vor dem Generationenhaus scheint idealer. Die frische Erde liegt noch jungfräulich auf dem künftigen Beet, ein gepflastertes Stück schreit förmlich nach einer Bank.

"Wir werden hier eine ordentliche Bepflanzung anlegen", erklärt Bärhold dem Künstler, "es werden Sträucher und Stauden wachsen und alles, was blüht, wird in Blautönen blühen." Das freut den Bildhauer, er lächelt und nickt und empfiehlt, in welcher Achse der Sockel stehen soll.

Der Sockel ist aus Beton. Das möchte der AWG-Chef so nicht belassen, er schwört auf Naturstein. Der Künstler kennt Experten, die Sockel fachgerecht austauschen können, ohne die Figur zu zerstören. Dieter Borchardt erlaubt außerdem, dass die Profis sich die "Narbe" anschauen, die sich über das Rückenteil der Dame zieht. Die ist kein Riss, wie Laien vermuten, sondern eine kalkhaltige Ader im Sandstein. Das ist Natur, so ist der Block aus dem Steinbruch gekommen. Ob an diesem "Riss" etwas gemacht werden muss, sollen die Experten entscheiden.

Dieter Borchardt hat in Berlin drei Jahre lang Bildhauerei studiert. "Dann wurde ich gefragt, ob ich in Leningrad weiterstudieren möchte", erzählt er. Er mochte. Sechs Jahre blieb er in der Stadt, die heute St. Petersburg heißt. Sein russisch ist immer noch da, blitzschnell schaltet er um und erzählt "po russki", auf russisch weiter, nur so, zum Spaß.

Später hatte Borchardt ein Atelier in Magdeburg, in der Brandenburger Straße, das heute "Forum Gestaltung" heißt. "Nach der Wende wurde die Miete auf das Zehnfache erhöht, da war natürlich Schluss", erzählt Dieter Borchardt. Auch mit den Aufträgen sei es vorbei gewesen. Die waren zu DDR-Zeiten regelmäßig gekommen, zumindest so, dass die Künstler von ihrer Arbeit leben konnten. Borchardt zeigt Fotos seiner Plastiken, die im öffentlichen Raum gestanden haben, vor Schulen, in Parks, als Springbrunnen. Einige wenige gibt es noch, um so mehr freut er sich, dass mit seiner Venus in Wolmirstedt so liebevoll umgegangen wird. Zur Einweihung wird er wieder kommen.

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