Das Umweltministerium hat die Ohrebegehung am 24. Juli abgesagt. Das grämt Jürgen Bednorz, einen Sprecher der Bürgerinitiative "Hochwasserschutz an Elbe und Ohre" nicht wirklich. Er setzt vor allem auf die Arbeit des Landesbetriebs für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW). Und die läuft.

Wolmirstedt l Im August wird es im Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) spannend. "Wir erwarten dann ein Unterhaltungskonzept für die Ohre", sagt LHW-Direktor Burkhard Henning. In diesem Konzept sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie der Fluss seine Natürlichkeit behalten kann und gleichzeitig Wasser abfließt. Mit dieser kniffligen Angelegenheit hat der LHW ein erfahrenes Leipziger Planungsbüro beauftragt. "Sobald im August das Unterhaltungskonzept vorliegt, werden wir innerhalb des LHW damit weiterarbeiten", sagt Burkhard Henning. Im September soll das Konzept im Katharinensaal vorgestellt werden. Noch läuft alles nach Plan. "Genau darauf kommt es uns an", sagt Jürgen Bednorz.

Somit sieht der Sprecher der Bürgerinitiative "Hochwasserschutz an Elbe und Ohre" die Absage des Umweltministers Hermann Onko Aeikens (CDU) für die Ohrebegehung gelassen. Die war für den 24. Juli geplant, ist aber in den Herbst verschoben worden. Seitens des Umweltministeriums seien derzeit keine neuen Erkenntnisse zu erwarten. "Ich denke, dass der Minister trotzdem hinter der Sache steht. Hauptsache ist, dass der LHW bei der Stange bleibt."

Darauf gibt LHW-Direktor Burkhard Henning sein Wort. Unterhaltung der Ohre bedeutet jedoch nicht zwingend, dass das Flussbett ausgebaggert wird, wie Bürger immer wieder fordern. "Seit der politischen Wende gibt es einen Passus, dass Gewässer auch Bestandteil des Naturhaushaltes sind", erklärt Burkhard Henning. Gewässerunterhaltung und naturschutzrechtliche Belange müssen seither unter einen Hut gebracht werden. "Natürlich muss ein Fluss auch schadlos durch einen Ort fließen", sagt Burkhard Henning.

Die Bedingungen dafür gehen aus einem hydrodynamischen Modell hervor. "In diesem Modell sprechen nur Fakten", betont Henning. Ob jemand glaubt, dass ein Ufer zugewuchert oder eine Flussstelle verlandet ist, spielt keine Rolle. Werden im Rahmen des hydrodynamischen Modells jedoch Pflanzenwucherungen oder Auflandungen als Schwachstellen identifiziert, werden diese Schwachstellen beseitigt. Damit das Ökosystem trotzdem stabil bleibt, wird jeder Eingriff an anderer Stelle ausgeglichen.

Das erfordert jede Menge Gesprächsbedarf mit Naturschutzverbänden und Flächennutzern. Burkhard Henning spricht von einem langen Prozess. Schließlich sitzen die Kommunen, Landwirte, die über zunehmende Vernässung klagen und der Naturschutz in einem Boot. "Unser Ziel ist es, dass wir ein Modell finden, mit dem am Ende alle Beteiligten leben können", sagt Burkhard Henning.

Vernässung erklärt sich mit Blick in die Geschichte

Um die Ohreproblematik zu verstehen, empfiehlt Burkhard Henning gern einen Blick in die Geschichte. Die zeigt, dass die Trockenheit der Region vom Menschen geschaffen wurde.

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten wurden nämlich Millionen Kubikmeter Wasser aus der Region gezogen. "Bis in die Siebziger Jahre hinein gab es in Elbeu ein Wasserwerk", sagt Henning, "das hat Grundwasser gefördert und mit diesem Grundwasser den Bahnhof Rothensee mit Kesselspeisewasser versorgt." Als dieses Wasserwerk stillgelegt wurde, häuften sich bereits die Probleme mit der Vernässung.

Auch für die Magdeburger Trinkwasserversorgung wurden unvorstellbare Mengen Ohrewasser genutzt. Der Fluss wurde in Satuelle über Infiltrationsgebiete geleitet und somit einer natürlichen Reinigung zugeführt. "Der Trinkwasserbedarf ist rapide zurückgegangen", sagt Henning, "heutzutage wird nur noch wenig Ohrewasser infiltriert."

Auch die Natur spielt eine gewichtige Rolle. Der LHW-Chef verweist auf trockene und regenreicher Zyklen. "Seit 2009 beobachten wir erhöhte Mengen an Niederschlägen, das wirkt sich natürlich auf die Abflüsse aus."

Durch den jahrzehntelangen Wasserentzug wurde das Ohre-Anrainergebiet schlussendlich für trockener gehalten, als es naturgemäß ist. Flussnahe Bebauung schien möglich. Häuser entstanden, sogar unterkellerte. Nun kehren Ohre und Grundwasser zurück. Die Zivilisation muss trotzdem geschützt werden. Wie das gehen kann, darüber wird der LHW am 9. oder 11. September im Katharinensaal berichten. Der genaue Termin steht noch nicht fest.