Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg und aus diesem Anlass wird das Museum am 31.August eine Ausstellung eröffnen. Gudrun Billowie wollte von Museumsleiterin Anette Pilz wissen, was die Besucher erwartet.

Volksstimme: Frau Pilz, der Erste Weltkrieg forderte 17 Millionen Menschenleben. Wie haben Sie sich für diese Ausstellung dem Thema genähert?

Anette Pilz: Wir werden den Besuchern die Geschichte des Ersten Weltkriegs anhand von sieben Einzelschicksalen nahe bringen. Uns liegen Fotos, Postkarten, Briefe und ein Tagebuch vor.

Woher stammen diese Originaldokumente?

Aus unserem Fundus, aber auch von Bürgern. Nach einem Aufruf in der Zeitung brachte uns die Wolmirstedterin Gisela Meyer das Tagebuch ihres Großonkels Paul Jaenecke. Dieses Tagebuch ist das Herzstück der Ausstellung. Anhand der Aufzeichnungen wird deutlich, was es bedeutet, den Krieg am eigenen Leib zu erleben. Für Paul Jaenecke dauerte dieser Krieg nicht einmal drei Monate. Der hoffnungsvolle junge Mann, der gerade 19 Jahre alt war und gerne Lehrer werden wollte, kehrte aus Frankreich nicht mehr zurück.

Was schreibt Paul Jaenecke?

Sein erster Eintrag stammt vom 9. August 1914. Paul ist als Freiwilliger voller Begeisterung zur Truppe gegangen und mit dieser Truppe nach Frankreich. Mit jedem Eintrag spürt man jedoch, wie die Begeisterung nachlässt. Nach kurzer Zeit fragt Paul Jaenecke nur noch: Wann ist dieser Wahnsinn zu Ende? Er schreibt vom Gefecht, vom Hunger, immer wieder vom Heißhunger auf Schokolade und von dem festen Glauben, Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Sein letzter Eintrag stammt jedoch vom 27.Oktober 1914. Die letzten beiden Sätze lauten: "Morgen solls nach Verdun zur Belagerung. Wenn es nur weiterhin noch gut geht." Es ging nicht gut.

Die Tagebuchseiten sind eng in Sütterlin beschrieben. Wer hat den Text übersetzt?

Der Text war schon von einem Verwandten von Gisela Meyer übersetzt worden. Wir haben die Übersetzung abgeschrieben, damit der Text digital vorliegt. Dabei wird man tief in die Geschichte hineingezogen und das ist sehr beklemmend.

Wie ist dieses Tagebuch, das immer dabei war, ob in den Schützengräben oder auf endlosen Märschen, wieder nach Hause gelangt?

Paul Jaenecke hat vorgesorgt. Auf der ersten Seite bittet er den ehrlichen Finder, dieses Tagebuch an seine Heimatadresse zu schicken.

Haben noch mehr Wolmirstedter Material zur Ausstellung beigesteuert?

Ja. Giesela Wankmüller brachte uns Postkarten und Fotos von ihrem Großvater Arthur Wunderlich. Er hat den Krieg ganz anders erlebt als Paul Jaenecke. Als Rettungssanitäter war er nicht in der Schusslinie und es war ihm sogar möglich, Geld und Nahrungsmittel nach Hause zu schicken. Seine Briefe sind sehr rührend. Er schreibt Giesela Wankmüllers Großmutter Ida immer mit "Mein liebstes Idel" an.

Wer sind die anderen Soldaten, die dem Krieg in der Ausstellung ein Gesicht geben?

Werner Funke war Matrose auf einem Torpedoboot. Friedrich Johann Ganzer aus Lindhorst, der aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Martin Thiele ist ebenfalls zurückgekehrt, allerdings trug er eine schwere Kopfverletzung davon. Sein Gesicht wurde mit Hilfe der Chirurgie wieder hergestellt.

Von Emil Gremler aus Wolmirstedt zeigen wir ebenfalls Briefe. Er bittet seine Familie von der Ostfront aus um Dinge wie Taschenspiegel, Tilsiterkäse und Schokolade. Die Pakete seiner Mutter erreichten ihn allerdings nicht mehr. Er ist in Russland begraben.

Und auch ein Foto meines Großvaters Otto Neuendorf gehört zur Ausstellung. Er hat den Krieg überlebt, sonst würde es mich nicht geben.

Bilder von Schlachten sucht der Besucher vergeblich?

Die gibt es hier nicht und auch die jungen Männer werden nicht als Helden dargestellt. Es ist einfach furchtbar, wie gnadenlos junge Menschen verheizt wurden, wie wenig ein Menschenleben nur wert war. Das macht mich noch immer sehr traurig. Und noch trauriger finde ich es, wenn ich nach Syrien oder in die Ukraine schaue und sehe, dass offenbar niemand aus zwei Weltkriegen gelernt hat.

In der Ausstellung gibt es sehr viele Informationstafeln. Werden auch Exponate gezeigt?

Wir haben das reiche Text- und Bildmaterial in einer Broschüre verarbeitet, die jeder Besucher erwerben kann. So lässt sich alles in Ruhe zu Hause nachlesen. Außerdem denken wir darüber nach, mit den Briefen und Tagebüchern eine szenische Lesung zu gestalten. Allerdings noch nicht zur Ausstellungseröffnung, sondern später.

Wir zeigen weiterhin viele Exponate, wie Bilder, Helme oder Granatdeckel, aus denen Soldaten Armbänder für ihre Mädchen gefertigt haben. Das ist die sogenannte Grabenkunst. Außerdem hat Dr. Wilfried Lübeck die Auswirkungen des Krieges auf den ehemaligen Kreis Wolmirstedt aufbereitet.

Auf welche Besucher hoffen Sie besonders?

Ich hoffe, dass das Thema auf eine breite Öffentlichkeit trifft. Immerhin hat bereits die Pfarrerin der Bundeswehrkaserne in Burg angerufen und sich mit einer Kompanie Soldaten angemeldet.

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