Haldensleben l Im sogenannten Sicherstellungsplan für 2015, der die Sicherstellung und die Förderung von Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen im Land Sachsen-Anhalt regelt, kommt die Beratungsstelle in Haldensleben nicht mehr vor. "Diese Beratungsstelle soll nach Entscheidung des Landesverwaltungsamtes in Halle zum 31. Dezember 2014 geschlossen werden", erklärt Heike Rudolf, Geschäftsführerin des Kreisverbandes Magdeburg der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Träger der Einrichtung in Haldensleben ist. "Das bedeutet eine Unterversorgung für den Landkreis Börde!"

Künftig soll es demnach für den zweitgrößten Landkreis in Sachsen-Anhalt nur noch eine Stelle zur Schwangerschaftsberatung geben - in Oschersleben. Frauen in Konfliktsituationen, die bisher noch Hilfe und Unterstützung in Haldensleben finden, müssen sich ab 2015 an Beratungsstellen in Oschersleben, Magdeburg oder Gardelegen wenden.

Zu den Gründen der Streichung aus dem Sicherstellungsplan kann Gabriele Städter von der Pressestelle des Landesverwaltungsamts keine Auskunft geben. Auch das Einsehen des Plans sei derzeit nicht möglich, "weil dazu ein Gerichtsverfahren anhängig ist", so die Pressesprecherin. "Wir als AWO haben wegen der Nichtaufnahme der Haldensleber Beratungsstelle Klage eingereicht", bestätigt Petra Sperling vom Kreisverband.

Die Kunde von der Streichung indes überraschte auch die Mitarbeiterinnen der Haldensleber Beratungsstelle. "Das kam völlig unvermutet", sagt Anke Weinrich. Sie hält die Schließung für unverantwortlich gegenüber den Frauen im Landkreis. "Vor allem für die Frauen, die nicht mobil sind." Denn es betrifft nicht nur Haldensleben: Fällt die Beratungsstelle in der Kreisstadt weg, gibt es auch keine Außenstelle in Wolmirstedt mehr. Ebenso stehe mit der Schließung die sexualpädagogische Arbeit in den Schulen vor dem Aus, befürchtet Anke Weinrich. Auch das Haldensleber Ameos-Klinikum, wo die Mitarbeiter der Beratungsstelle zweimal in der Woche Sprechstunden anbieten, hätte keinen festen Partner vor Ort mehr.

"Seit drei Jahren laufen ja auch die Bemühungen, mit der Beratungsstelle in das Haldensleber Mehrgenerationenhaus umzuziehen. Das wurde bei der Entscheidung überhaupt nicht berücksichtigt", ärgert sich Anke Weinreich zudem. Ein Fakt, der auch dem Stadt-Dezernenten Henning Konrad Otto bitter aufstößt. "Unser Ziel war es, mit dem Mehrgenerationenhaus die Beratungsstellen zu bündeln - so wie es der Gesetzgeber vorsieht. Darauf beruht auch das Konzept des Hauses, an dem wir seit dem Jahr 2008 gearbeitet haben. Die jetzige Entscheidung des Landesverwaltungsamtes ist daher völlig unverständlich", unterstreicht er.

Denn wer zur Schwangerschaftsberatung nach Magdeburg beziehungsweise Oschersleben muss, könne seiner Ansicht nach kein gebündeltes Beratungsangebot in Anspruch nehmen. "Allein mit der Schwangerschaftsberatung ist es ja oftmals nicht getan", weiß er. Das sieht auch Anke Weinreich so. "Wenn jemand zu uns kommt, dann genügt oftmals nur ein Anruf, und wir können beispielsweise eine Hebamme vermitteln. Wie soll das denn künftig für die Frauen aus der Region funktionieren?", hält sie Probleme für vorprogrammiert. Welche Gründe für die geplante Schließung ausschlaggebend seien, vermag auch sie nicht zu sagen. "Wir haben zwischen dem 1. Januar und dem 30.Juni in Haldensleben 1417Beratungsstunden abgehalten, Pflicht wären ,nur` 1143 gewesen. Und darin sind die Beratungsangebote, mit denen wir in die Schulen gehen, noch gar nicht enthalten. An den Zahlen kann es also nicht liegen."

"Als Stadt können wir es nicht nachvollziehen, weshalb das Land eine Beratungsstelle in Oschersleben für nötig hält, aber nicht in Haldensleben", meint Otto. In Magdeburg, im Landkreis Harz sowie in den beiden Altmarkkreisen Salzwedel und Stendal soll es nach seinen Informationen auch künftig mehrere Stellen zur Schwangerschaftskonfliktberatung geben, aber im Landkreis Börde nur eine einzige in Oschersleben. Es sei doch schon aufgrund der Kreis- und Kommunalreform naheliegend, dass der Landkreis zwei dieser Einrichtungen haben müsse, so Otto weiter. "Und wenn es nur eine geben soll, dann gehört die aber in die Kreisstadt", betont er. Ganz zu schweigen davon, dass auch für den Träger des Mehrgenerationenhauses die Arbeit schwieriger werde, wenn die Säule Schwangerschafts- und Sexualberatung wegfällt, führt der Dezernent an.

Für die Kreisverwaltung steht die Notwendig zweier Beratungsstellen außer Frage. "Allein schon aufgrund der Größe des Landkreises sehe ich hier den Bedarf als gegeben", unterstreicht die für den Bereich Soziales zuständige Fachkoordinatorin Iris Herzig. Aus diesem Grund haben sich sowohl Landrat Hans Walker als auch der Kreistag für den Erhalt der Haldensleber Einrichtung eingesetzt. Letzterer hatte in seiner konstituierenden Sitzung spontan einer Resolution zugestimmt und die Landesregierung aufgefordert, die bestehenden Kürzungspläne für die Schwangerschafts- und Sexualberatungsstelle zurückzunehmen. In der Einwohnerfragestunde hatte die Oschersleberin Vinny Zielske das Thema angesprochen.

Ebenso hat auch der Haldensleber Stadtrat bekundet, sich für den Erhalt der Einrichtung einzusetzen. Das Thema wird heute vom Sozialausschuss - er tagt ab 18 Uhr im Raum 123 im Rathaus - öffentlich behandelt. Bürgermeister Norbert Eichler hat sich bereits an Sachsen-Anhalts Sozialminister Norbert Bischoff gewandt mit der Bitte, die vorgesehene Schließung vor dem Hintergrund der geplanten Bündelung der Beratungsangebote im Mehrgenerationenhaus zu überdenken. Es könne nicht angehen, "dass die Beratungsstelle mit den besten Voraussetzungen wegfallen soll", so Eichlers Standpunkt.