In Wolmirstedt, Barleben und der Niederen Börde leben viele interessante Menschen. Wir begleiten einige von ihnen eine Stunde lang bei der Arbeit oder bei ihrem Hobby. Folge 10: Zu Besuch im Wohnheim für seelisch behinderte Menschen in Groß Ammensleben.

GroßAmmensleben l Zusammen mit vier Bewohnerinnen sitzt Roswita Gellerer im Untergeschoss des Sankt-Klara-Heimes in Groß Ammensleben an einem Tisch. Während die Fachkrankenschwester für Neurologie und Psychiatrie an einer Marionette bastelt, sortieren zwei Frauen Wollfäden aus einem Knäuel nach Farben. Eine Bewohnerin strickt, die vierte Dame häkelt einen Topflappen.

"Die Bewohner haben Schizophrenien, Depressionen oder bipolare Störungen."

Susanne Käsdorf, Leiterin des Wohnheims St. Klara für seelisch behinderte Menschen in Groß Ammensleben

Im Hintergrund läuft leise Musik aus dem Radio. "Das ist die Handarbeitsgruppe im Rahmen der Ergotherapie", erklärt Roswita Gellerer. Bei dem wöchentlichen Treffen sollen Feinmotorik und Fingergefühl trainiert werden.

Insgesamt 30 Männer und Frauen zwischen 31 und 82 Jahren leben derzeit in dem offenen Caritas-Heim für seelisch behinderte Menschen. Alle teilen ein Schicksal - sie leiden unter einer psychischen Krankheit. "Die Bewohner haben zum Beispiel Schizophrenien, Depressionen oder bipolare Störungen", erläutert Heimleiterin Susanne Käsdorf. Es gibt drei Wohnbereiche: In den Einzel- oder Doppelzimmern der unteren Etage leben vorwiegend ältere Menschen und "jene mit dem größten Hilfebedarf", erklärt Susanne Käsdorf. Neben einem weiteren Wohnbereich in der zweiten Etage gibt es auch drei sogenannte Trainingswohnungen. "Die sechs Bewohner dort üben, alleine zu wohnen, sie wollen irgendwann vielleicht auch wieder ausziehen", sagt die Heimleiterin.

Während Susanne Käsdorf in ihrem Büro zu tun hat, geht in der Handarbeitsgruppe jeder weiter seiner Beschäftigung nach. Viele Worte wechseln die Bewohnerinnen an diesem Nachmittag nicht. "Meistens rede ich mit ihnen, manchmal erzählt die eine oder andere auch etwas von sich", sagt Roswita Gellerer, während sie das Lager mit den Bastelmaterialien zeigt. "Vielleicht sind sie heute auch gehemmt, weil jemand Fremdes da ist", vermutet die Betreuerin.

Alle Bewohner, unter ihnen 22 Männer, nehmen Medikamente, um ihre Krankheit unter Kontrolle zu halten. Einige, berichtet die Krankenschwester, hören Stimmen, sprechen mit Gestalten, die nicht existieren oder sind antriebslos. Ein eigenständiges Leben könnten die wenigsten von ihnen wohl je wieder führen. "Einige waren fast ihr ganzes Leben in der Psychiatrie", sagt Roswita Gellerer. Alleine würden viele verwahrlosen, vereinsamen und von ihren Ängsten übermannt werden.

Im Caritas-Heim ist dagegen immer jemand da. Tag und Nacht. Morgens werden die Bewohner auf ein Wirtschaftsgut bei Haldensleben gefahren. Im Rahmen der obligatorischen Tagesförderung, erklärt Susanne Käsdorf, arbeiten die Männer auf dem Hof mit, fegen zum Beispiel und füttern die Tiere. Die Frauen wiederum arbeiten in Reinigungsteams - sowohl auf dem Gut als auch im Wohnheim auf der Domäne. An den Nachmittagen gibt es jeweils ein anderes Freizeitangebot. Montags probt beispielsweise der Chor und es wird eingekauft, freitags geht es ins Schwimmbad oder in den Garten.

Nach einer Stunde legen die Frauen aus der Handarbeitsgruppe Nadeln und Wollfäden zurück auf den Tisch. Die restlichen zwei Stunden bis zum gemeinsamen Abendbrot um 18 Uhr gestaltet jeder für sich. "Die meisten gehen nochmal eine Runde spazieren", sagt Ros- wita Gellerer. Die Menschen, die im Sankt-Klara-Heim wohnen, können sich in ihrer Freizeit auch frei bewegen.

Um 16.30 Uhr kommt die nächste Gruppe zur Ergotherapie. Bis dahin gönnt sich Roswita Gellerer noch eine Tasse Kaffee.