Den Zustand der Ohre, wie ihn die alten Wolmirstedter kennen, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Die Bedingungen haben sich zu sehr geändert. Dennoch bescheinigen Experten dem Fluss einen tendenziell guten Zustand.

Wolmirstedt l Die Ohre steht derzeit im Blickpunkt von Experten. Unter den Aspekten der Wasserwirtschaft und des Naturschutzes wird ein Gewässerunterhaltungsrahmenplan erstellt. Das klingt sperrig, soll aber in Zukunft die Arbeit an der Ohre erleichtern. Steht dieser Plan, können beispielsweise Verlandungen entfernt, Flächen beräumt oder der Uferbereich gemäht werden, ohne jedes Mal jegliche Behörden um Erlaubnis zu fragen. Im Gewässerunterhaltungsrahmenplan werden solcherlei Maßnahmen mittelfristig ein für allemal festgeschrieben.

Noch liegen nicht alle Untersuchungsergebnisse vor und somit ist auch der Plan noch nicht erstellt. Doch schon jetzt steht fest, die Ohre, die Wolmirstedter noch aus früheren Zeiten kennen, wird es nicht mehr geben. Dazu hat sich im Gesamtsystem zu viel geändert. Wasserwerke entnehmen dem Fluss nur noch ein Bruchteil des Wassers. Auch der Bahnhof Rothensee entnimmt schon lange kein Kesselspeisewasser mehr. "Außerdem haben die Niederschläge in den letzten Jahren deutlich zugenommen", konstatiert Burkhard Henning, Direktor des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW).

"Wir hätten gern, dass der Zustand der Ohre von vor der Wende wieder hergestellt wird", sagt Jürgen Bednorz, ein Sprecher des Aktionsbündnisses Hochwasserschutz an Elbe und Ohre. Bednorz lebt selbst am Ufer und weiß, wie schnell der Fluss seit ein paar Jahren nach Schneeschmelze oder lang andauernden Niederschlägen ansteigt und Grundstücke und Keller flutet. Viele Wolmirstedter fordern immer wieder, dass wie zu DDR-Zeiten regelmäßig ausgebaggert werden soll. Doch Sachsen-Anhalts Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU) plädiert für das Zusammenspiel von Naturschutz und Hochwasserschutz. "Wir müssen den nachfolgenden Generationen eine Erde überlassen, deren Zustand nicht schlechter ist", sagt er. Dem Hochwasserschutz räumt er allerdings Vorrang ein.

Aeikens ist den Ohreabschnitt von der Amtsbrücke bis zur Glindenberger Brücke am Montag abgegangen. Mit dabei waren neben den LHW-Experten und Jürgen Bednorz vom Aktionsbündnis auch Bürgermeister Martin Stichnoth, Mitarbeiter des zuständigen Leipziger Planungsbüros, Gabriele Köppe vom Unterhaltungsverband "Untere Ohre", Fachdienstleiter Ordnung und Sicherheit Dirk Illgas sowie Alfons Hesse und Fritz-Georg Meyer (beide CDU) vom Glindenberger Ortschaftsrat.

Gerald Schwenecke gehört zu den Fachleuten des Planungsbüros, die die Ohre untersuchen. Zwei Gewässerbefahrungen hat er bereits absolviert, die dritte soll in der kommenden Woche erfolgen. Derzeit steht der rund fünf Kilometer lange Abschnitt von der Glindenberger Brücke bis zur neuen B 189 besonders im Fokus der Untersuchungen. "Wir haben die Pegel der letzten 25 Jahre ausgewertet und festgestellt, dass er bei gleichem Durchfluss immer weiter gestiegen ist."

Er sieht mehrere Faktoren als Ursache, will sich aber noch nicht abschließend festlegen. Verlandungen, engerer Querschnitt des Flussbetts und gestiegener Grundwasserspiegel spielen wohl mit. Insgesamt bescheinigt er der Ohre jedoch einen guten Zustand. "Der Vergleich der Werte mit denen aus dem Jahr 2007 hat keinerlei Verschlechterung des Zustandes ergeben", sagt Gerald Schwenecke. Auch die Fließgeschwindigkeit sei ausreichend hoch. "An vielen Stellen beträgt sie zwei bis drei Meter pro Sekunde", sagt Schwenecke, "wenn ich mit der Wathose im Fluss stehe, muss ich aufpassen, dass ich nicht mitgerissen werde." Außerdem wurden die Einmündungen der Nebengewässer untersucht. Nur an der Stelle, wo die alte Elbe in die Ohre fließt, wurden Verlandungen festgestellt.

Noch werden vom Ingenieurbüro weitere Daten erhoben. Ist der Zustand des Abschnitts von der Glindenberger Brücke bis zur B189 bekannt, wird der Abschnitt bis zur Mündung untersucht. Als letztes der insgesamt 35 untersuchten Ohrekilometer folgt die Bestandsaufnahme von der B189 bis Haldensleben.

"Der Zustand der Ohre ist besser als geschildert", stellt Hermann Onko Aeikens nach der Begehung fest. Die Bürger sollen über den Stand der Dinge noch vor Weihnachten im Katharinensaal informiert werden.