Die Unterbringung und Betreuung von Asylsuchenden setzt den Landkreis Börde zunehmend unter Druck. Dabei geht es nicht nur um die Suche nach Wohnraum. Auch mangelnde Finanzierung durch das Land sowie Sprachbarrieren sorgen für Schwierigkeiten.

Haldensleben l Angesichts der wachsenden Zahl internationaler Krisenherde verlassen immer mehr Menschen ihre Heimat. Auf der Suche nach Sicherheit kommen einige von ihnen auch in den Landkreis Börde und in die Stadt Haldensleben. "Wir haben in den Jahren 2012 und 2013 einen Anstieg verzeichnet, der mittlerweile eine völlig neue Dimension erreicht hat", erklärte Iris Herzig, die Koordinatorin des Fachbereichs für Soziales und Verbraucherschutz beim Landkreis Börde. Bei der jüngsten Sitzung des städtischen Sozialausschusses gab sie einen Überblick über die aktuelle Situation.

Für den Monat Oktober erwartet der Kreis 68 neue Asylsuchende. Hinzu kommen 14 Spätaussiedler sowie eventuell weitere Asylbeweber, die eigentlich schon im September hätten aufgenommen werden sollen. Zum Vergleich: 2011 seien laut Iris Herzig nur fünf bis sieben Asylbewerber pro Monat in den Landkreis gekommen. "In diesem Jahr wurde die Prognose bereits fünf Mal nach oben korrigiert. Das bedeutet für uns eine gewaltige Herausforderung", betonte Iris Herzig.

In der Gemeinschaftsunterkunft in der Haldensleber Hafenstraße würden derzeit 47 Menschen leben. Bis zum Ende des Jahres soll eine Kapazität von 150 regulären und 30 Reserveplätzen erreicht werden. Hinzu kommen 92 Asylsuchende in Wohngemeinschaften und 62 in Wohnungen.

Daneben gibt es die bestehende Gemeinschaftsunterkunft in Harbke sowie ab dem 1. Januar 2015 eine in Weferlingen. Die Suche nach einem vierten Standort läuft (Volksstimme berichtete). Denn: "Wir gehen davon aus, dass mit einem weiteren Anstieg zu rechnen ist", so Iris Herzig.

Mittlerweile miete der Landkreis nicht nur kommunale, sondern auch private Wohnungen an, um "dem Bedarf kurzfristig gerecht zu werden", erläuterte Iris Herzig. Aber das ist nicht alles. Zwar steht die Frage der Unterbringung im Vordergrund. Jedoch: "Die Finanzierung ist nicht in vollem Umfang sichergestellt", sagte Iris Herzig.

Bis 2011 habe der Landkreis für jeden aufgenommenen Asylbewerber vom Land Sachsen-Anhalt eine Pauschale bekommen. Mittlerweile gibt es stattdessen Geld über das Finanzausgleichsgesetz (FAG). Das bedeutet: Das Land stellt dem Landkreis eine Gesamtsumme für alle seine Aufgaben zur Verfügung. Davon müssen auch die Unterbringung und Betreuung der Asylbewerber finanziert werden. "Aber die Berechnungsgrundlage ist nicht an die aktuelle Situation angepasst", so Iris Herzig. Hinzu kommt die Kreisumlage. Vom Bund gebe es derzeit gar keine finanzielle Unterstützung. "Die Landkreise müssen Druck machen, damit es mehr Geld vom Bund und vom Land gibt", forderte Stadt-Dezernent Henning Konrad Otto. Sonst sei zu befürchten, dass die Kommunen auf den Kosten sitzenbleiben.

Weitere Schwierigkeiten gibt es daneben im sozialen Bereich. Die Asylsuchenden kommen aus vielen Ländern, unter anderem aus Russland, Vietnam, dem Irak, Syrien, Burkina Faso, Indien oder dem Kosovo. Die Betreuung erfordert nicht nur ausreichend Personal. Die Mitarbeiter müssen angesichts dieser Vielfalt auch mit den Sprachbarrieren zurechtkommen.

Dabei sei die Situation in den Gemeinschaftsunterkünften noch am günstigsten. Unter Umständen könnten sich die Asylsuchenden dort gegenseitig helfen. "Aber die Situation ist im Moment für uns nicht zufriedenstellend", betonte Iris Herzig. "Für die Betreuung ist es von zentraler Bedeutung, dass uns die Menschen auch verstehen. Wir suchen nach Möglichkeiten, um Kurse zu finanzieren, damit zumindest eine Alltagsverständigung möglich ist." Dieses Problem setzt sich auch bei der Kinderbetreuung fort. Denn in den 21 Familien von Asylsuchenden in Haldensleben gibt es derzeit 44 Kinder, die in Kitas und Schulen betreut werden. "In den Kitas ist es noch am einfachsten, bei den Schulen schon schwieriger. Deshalb soll es eine Gesprächsrunde mit Schulleitern und schulfachlichen Referenten geben", kündigte Iris Herzig an.

"Können auch Ehrenamtliche als Dolmetscher helfen?", erkundigte sich Ratsherr Michael Reiser (FUWG). Laut Iris Herzig sei das zumindest im Bereich des täglichen Lebens durchaus möglich. Wer Hilfe anbieten wolle, könne sich an den Kreis wenden. Auch dessen eigene Mitarbeiter packten teilweise über ihre Arbeitszeit hinaus privat mit an - zum Beispiel, um Wohnungen einzurichten oder Spenden zu sammeln.

Schon jetzt hat der Landkreis durchaus Partner, die ihn bei der Betreuung unterstützen - zum Beispiel die Arbeiterwohlfahrt. Auch ein Integra-tionsnetzwerk ist vorhanden. "Aber die vorhandenen Strukturen sind nicht mehr geeignet, um die jetzigen Aufgaben zu erfüllen", so Iris Herzig. "Wir müssen die Strukturen anpassen und die Hauptaufgaben neu formulieren. Darüber hinaus brauchen wird ein Schnittstellenmanagement, das Informationen an die einzelnen Netzwerkmitglieder verteilt."

"Die erste Welle hat uns kalt erwischt. Jetzt müssen wir unsere Instrumente so effektiv wie möglich nutzen, um mit der Situation umzugehen", erklärte auch Henning Konrad Otto. Vor diesem Hintergrund erkundigte sich Ralf Neuzerling (FDP), ob ein von der Stadt unterstützter Integrationsrat hilfreich sei, der zum Beispiel mithilfe von Vereinen Angebote bereitstelle. "Das könnte ich mir in jedem Fall vorstellen", antwortete Iris Herzig.