Der 25. Jahrestag des Mauerfalls wurde in der Wolmirstedter Katharinenkirche mit einem Festakt begangen. Am Ende verließen die Besucher die Kirche, wie damals, mit Kerzen.

Wolmirstedt l Pfarrer Dieter Kerntopf fand mahnende Worte für die Zukunft. "Wir haben die Demokratie gewollt und erkämpft, aber wir brauchen Menschen, die sie nutzen." Er forderte das Mitmachen und wollte Demokratie nicht allein als Plattform verstanden wissen, auf der jeder seine Meinung sagen kann. Das sei zu wenig.

Wie groß diese Kraft an der Grenze damals war, zeigte ein Film, den Kerntopf aus Sequenzen von Dokumentarfilmen, aus dem Film "Nikolaikirche" und Udo-Lindenberg-Songs zusammengeschnitten hat. Bewegende Bilder brachten das Gefühl in die Kirche zurück, das damals die Welt verändert hat. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Waltraud Wolff wandte sich anschließend vehement gegen das Wort "Mauerfall". Sie sagt: "Die Mauer wurde zum Einsturz gebracht. Das war ein sehr aktiver Vorgang."

Waltraud Wolff gehörte neben Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) zu den Rednern, die Pfarrer Kerntopf eingeladen hatte. Beide fanden sehr persönliche Worte und gaben ihre Geschichten preis, die sie mit dem Mauerfall verbinden. Waltraud Wolff erzählte, dass sie den Mauerfall beinahe verschlafen hätte. "Mein damaliger Mann war in der Kirche, um das nächste Friedensgebet vorzubereiten", erinnert sie sich, "ich habe zu Hause unsere vier Kinder ins Bett gebracht, auf meinen Mann gewartet und bin über das Warten eingeschlafen." Plötzlich habe ihr Mann die Tür aufgerissen und gerufen: "Die Mauer ist offen." Dann war die Angst gekommen, dass "die Russen" eingreifen könnten. "Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass es so friedlich bleiben würde", sagt Waltraud Wolff. Ihr Fazit nach 25 Jahren lautet: "Die Ereignisse des 9.November waren nicht nur ein Glücksfall für die Menschen, sondern auch ein Befreiungsschlag für unsere Familie." Als Christen haben sie immer unter besonderer Beobachtung gestanden.

Seither habe sie sich politisch engagiert, im Kreistag, im Stadtrat, im Bundestag. "Und manchmal muss ich mich heute noch kneifen, weil es so unfassbar ist, dass ich, Waltraud Wolff aus Wolmirstedt, im Deutschen Bundestag sitzen darf."

Holger Stahlknecht hat den 9. November 1989 als Student der Rechtswissenschaften in Osnabrück erlebt. "Zunächst ganz unaufgeregt", erinnert er sich. "Wir haben vor dem Fernseher gesessen und waren am Anfang verwundert. Später haben wir die Menschen bewundert, für ihren Mut. Es hätte auch so ausgehen können, wie in China." Er sah die Menschen in der DDR in einer besonderen Situation. "In diesem Teil Deutschlands hatte es seit 1933 zwei Diktaturen gegeben Trotzdem haben die Menschen aufbegehrt. Das zeigt, dass sich alles unterdrücken lässt, aber nicht die Freiheit."

Holger Stahlknecht kam 1995 in den Osten und betrachtet diese Zeit als Geschenk. "Ich durfte beim Wiederaufbau der Justiz mitwirken, habe mich kommunalpolitisch als Bürgermeister von Wellen engagiert, war in der Landespolitik, bin jetzt Minister."

In seiner Rede hob er die Rolle der Kirche als moralische Instanz hervor. "Wir leben in einer unruhigen Welt, die Moral droht verloren zu gehen. Wir brauchen jemanden, der uns Werte gibt." Pfarrer Kerntopf wollte den Auftrag gern annehmen. "Wenn wir denn gehört werden, nicht nur von den Menschen, auch von der Politik."

Musikalisch gestalteten die Feier Kantorin Stefanie Schneider und die Musikschüler Clara Franke, Simon und Fabian Zenker.

   

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