Bei den Turnern des Sportvereins Kali gibt es eine witzige Tradition. Bei jeder Schauvorführung springt blitzschnell ein Kind aus dem Koffer. Diese Überraschung gibt es schon seit über 40 Jahren. Das erste "Kofferkind" ist inzwischen 54 Jahre alt.

Wolmirstedt l Tritt die Turnerriege des SV Kali zum Schauspringen an, nehmen die Jungs Anlauf und schlagen Saltos, Hechtrollen oder Flickflack über den gebeugten Rücken von Lothar Görtz. Sie sind dabei so flink, dass eine gewöhnliche Fotokamera die Bewegungen nur als unscharfes Rauschen einfängt. Ebenso behende springen die Turner über einen alten Lederkoffer. Der braune Koffer steht unscheinbar am Sprungbrett, aber sobald alle Jungen kunstvoll darüber gewirbelt sind, öffnet Lothar Görtz den Deckel und blitzschnell rast ein kleiner Junge heraus und stellt sich in der Riege ganz hinten an. An dieser Stelle schmunzelt das Publikum. Garantiert.

Der kleine Junge heißt Kevin Mühlenberg. Das wievielte "Kofferkind" Kevin ist, kann Lothar Görtz nicht mehr sagen. Seit 40 Jahren ist dieser Gag ins Programm eingebaut.

Kevin turnt seit drei Jahren bei Lothar Görtz und seit dem 100. Geburtstag des SV Kali im Sommer 2013 darf er sich im Koffer zusammenkauern. "Da drin schwitze ich ganz schön", sagt der Achtjährige. Der Applaus der Zuschauer entschädigt und beim Rest der Schau darf Kevin das tun, was er am liebsten mag. Salto.

Lothar Görtz begeistert seit 50 Jahren Jungs für den Turnsport und fast genauso lange gibt es beim Schauspringen die Koffernummer. Das erste Kofferkind war Jörg Oelze, der inzwischen 54 Jahre alt ist. "Ich habe mit dem Turnen angefangen, als ich noch ein Kindergartenkind war", erinnert er sich, "Herr Görtz hat mich vom Kindergarten abgeholt und mit zum Training genommen." Kurze Zeit später wurde die Koffernummer entwickelt und Jörg Oelze kauerte sich drei Jahre lang in den selben Koffer hinein, aus dem derzeit Kevin springt. Dann war er zu groß."Turnen ist der beste Sport, den ich je gemacht habe", sagt Jörg Oelze noch heute, "ich kann immer noch auf Händen gehen und das Training hat mich zu einem Kämpfer gemacht."

Jörg Oelze hat längst mit dem Turnen aufgehört. Sein ehemaliger Trainer hingegen denkt nicht daran. "Für den Überschlag muss ich mich inzwischen ein wenig anstrengen", sagt der 72-Jährige. Zuschauer bemerken die Anstrengung nicht. Bevor die Jugendlichen ihre Saltos schlagen, hat Lothar Görtz schon den ersten abgeliefert.

"Es dauert mitunter Jahre, bis die Jungs soweit sind, dass sie auftreten können", sagt Görtz"zuallererst müssen sie das richtige Abrollen üben, müssen Kraft und Kondition aufbauen, damit es keine Verletzungen gibt." Zweimal die Woche trainieren sie dafür.

Solcherlei Ausdauer wird Kindern in dieser schnelllebigen Zeit gerne abgesprochen, aber Lothar Görtz hat bisher andere Erfahrungen gesammelt. "Seine" Jungs bleiben dem Turnsport über Jahre hinweg treu, hören erst auf, wenn sie durch Ausbildung oder Studium in einen anderen Teil des Landes verschlagen werden. Zurzeit trainiert Lothar Görtz elf Buben. "Solange die Jungs Spaß haben, bleiben sie auch bei der Sache", weiß Lothar Görtz. Jörg Oelze blieb, bis er Soldat werden musste.

Der Nachwuchsförderung des Turnsports widmen sich ansonsten die Frauen und die ziehen erfahrungsgemäß eher die Mädchen an. Lothar Görtz ist in diesen Kreisen fast ein Exot.

Der Spaß der Turner des SV Kali wird von Erfolgen gekrönt. Sie sind Landesmeister und liegen auch bei Kreiswettbewerben vorn. Auch Jörg Oelze erinnert sich noch gern an die Wettkämpfe. "Wir sind damals mit Lothars Trabi durch die ganze DDR gefahren", sagt er, "die Matte war auf den Dachgepäckträger geschnallt."

Auch Lothar Görtz hat bis vor zwei Jahren noch an Wettkämpfen teilgenommen. In der Altersklasse 65 bis 70 ist er mehrfach Landesmeister geworden. "Bei Deutschen Meisterschaften hat es leider nur für den zwölften Platz gereicht", sagt er. "Ein Unikat", sagt Jörg Oelze über seinen ehemaligen Trainer, "er hat unheimlich viel für den Turnsport geleistet." Görtz hofft, dass er noch viele "Kofferkinder" trainiert.