Nicht nur über die Brüder Grimm, Johann Gottlob von Nathusius und frühere handwerkliche Traditionen in der Stadt erfahren die Besucher im Haldensleber Museum viel. Wie in früheren Zeiten wachsen hier sogar in jedem Jahr Seidenraupen heran.

Haldensleben l Wahrscheinlich ab Mai zum Museumstag können Passanten in dem eigens dafür gebauten Schaufenster an der Ecke des Museums wieder verfolgen, wie sich Seidenraupen entwickeln, sagt Museumsleiter Ulrich Hauer. Noch sind die Eier der Seidenspinnerweibchen eingefroren. Im Frühjahr werden die Eier hervorgeholt. In einer Kiste werden sich daraus Raupen entwickeln. Und diese Raupen wachsen heran, müssen mehrmals am Tag mit Blättern des Maulbeerbaums gefüttert werden. Dazu kommen die Mitarbeiter auch extra, wenn das Museum geschlossen ist. Maulbeerblätter liefert ein Baum, der bereits 2001 auf dem Museumshof gepflanzt wurde. Weitere 25 Maulbeerbäume wachsen an der Ohrelandhalle, hier wuchsen bereits im 18. Jahrhundert Maulbeerbäume.

2009 begannen die Museumsmitarbeiter mit dem Seidenraupenprojekt. Die Landesinitiative "Sachsen-Anhalt und das 18. Jahrhundert" hatte für dieses Jahr das Thema "Alltagswelten" gewählt. Das Haldensleber Museum hatte im Handwerkerhaus in Erinnerung an den Nathusiusschen Gärtner August Dieskau einen gärtnerischen Arbeitsplatz eingerichtet, der im 19. Jahrhundert auch den Seidenbau belebt hatte. Seitdem wachsen im Museumsschaufenster alljährlich Seidenraupen heran.

Die Raupen leben nur etwa 32 Tage und häuten sich in dieser Zeit viermal. Die ausgewachsene Raupe ist weiß, etwa neun Zentimeter lang und fingerdick. In diesem Stadium frisst sie nicht mehr, sondern spinnt sich ein. In drei bis vier Tagen stellt die Raupe einen Kokon aus einem etwa 3000 bis 4000 Meter langen Faden her. Dabei verwandelt sich die Raupe in eine Puppe und dann in einen Schmetterling, der sich durch den Kokon ans Licht arbeitet. Der Schmetterling paart sich, legt Eier ab und der Kreislauf beginnt von Neuem. Um den Kokon und damit den Seidenfaden zu erhalten, wird die Puppe nach einigen Tagen mit kochendem Wasser getötet.

Maulbeerbäume und Seidenraupenzucht bestimmten über mehrere Jahrhunderte das Leben in Haldensleben mit. Um 1750 hatte der damalige Bürgermeister und Stadtrichter Johann Paul Müller auf eigene Rechnung bereits eine Maulbeerplantage anlegen lassen, nachdem Friedrich Wilhelm I. und später sein Sohn Friedrich II. auf den Seidenbau orientierte. Eine städtische Plantage kam dazu. Eine zweite Blütezeit erlebte der Seidenbau ein Jahrhundert später, und daran hatte Dieskau seinen Anteil. Die letzte Seidenbaukampagne habe es in den 1920er Jahren gegeben, wird auf den Schautafeln des Museums erläutert. Erst 1964 wurde in der DDR die Seidenproduktion eingestellt.

Hugenotten, die auch die Kunst des Seidenbaus mit nach Preußen gebracht haben, haben wahrscheinlich die heutigen Museumsgebäude errichtet. Zudem war das Haupthaus des Museums, das 1866 erbaut wurde, früher Volksschule und auf dem Schulhof wuchsen Maulbeerbäume. Die Lehrer waren einst für den Seidenbau extra ausgebildet.

So wird mit der Seidenraupenzucht im Museum gleich mehrfach Geschichte lebendig erhalten. Museumsleiter Ulrich Hauer hat über die Seidenbau- tradition in Haldensleben auch einen Beitrag für die Museumsschrift zusammengestellt, die 2011 erschienen ist.