Werner Schierhorn führt seit 46 Jahren die Wolmirstedter Chronik. Jeden Tag wertet er etwa drei Stunden lang die Nachrichten aus und ordnet sie zu. Heute wird er vermutlich pausieren. Werner Schierhorn feiert seinen 80. Geburtstag.

Wolmirstedt l Aktuelle Zeitungen, alte Bücher, Tagebücher und Schriften, die für Laien unleserlich erscheinen, gehören für Werner Schierhorn zum täglichen Werkzeug. Mit diesen Dokumenten umgibt sich der Ortschronist in seinem Arbeitszimmer und sortiert tagtäglich die darin enthaltenen Fakten und Begebenheiten in den Lauf der Stadtgeschichte ein. Genauso exakt, wie er den Faden der Geschichtsdokumente weiterspinnt, weiß er auch das Datum, an dem er begonnen hat, die Chronik zu führen. Es war der 8. Juli 1968.

Lange Jahre richtete er sich dabei nach den Vorgaben des Kulturbundes der DDR. "Bis heute hat sich da nicht viel geändert", weiß Werner Schierhorn. Also sortiert er die Nachrichten weiterhin in vier Kategorien ein. Eine Kategorie ist die politische Entwicklung in der Kommune. Dazu gehören Beschlüsse des Stadtrates oder die Arbeit des Bürgermeisters. In die zweite Kategorie gehören Berichte über ökonomisch-soziale Begebenheiten, wie die Entwicklung des Krankenhauses. Kategorie Nummer Drei beinhaltet das geistig-kulturelle Leben, das beispielsweise von Sportvereinen, Kirchen oder Vereinen gestaltet wird. Wird über Straßenbau oder demografische Entwicklung berichtet, fällt das in die Kategorie "Bevölkerungs- und Siedlungsverhältnisse".

Werner Schierhorn sieht die Chronik in erster Linie als Nachschlagewerk für Heimatinteressierte der Zukunft an. Einmal im Jahr übergibt er die Aufzeichnungen an das Wolmirstedter Stadtarchiv. Für die Nachwelt bereitet er außerdem Dokumente auf, die schon jetzt viele Menschen gar nicht mehr lesen können.

Eine Kostbarkeit schätzt er ganz besonders. Vorsichtig schlägt er ein Buch auf. Die Seiten selbst sind gar nicht alt, aber das, was darauf steht, ist ein wahrer Schatz. Es sind Kopien über 300 Jahre alter Schriften, des Erbbuches des Amtes Wolmirstedt von 1679. "Das war mein Geschenk vom Archiv zum 70. Geburtstag."

Darin liest er gerne, aber Werner Schierhorn nutzt noch zwei weitere wichtige Quellen. Eine schrieb Johann Gottfried Friedrich Freydank, der einst als Diakon an der Wolmirstedter Stadtkirche tätig war. Diese Chronik steht in Konkurrenz zu den Aufzeichnungen des Jersleber Pastors Dr. Friedrich Danneil. Danneil bezeichnete die Schriften Freydanks als "mit Vorsicht zu genießen", weiß Werner Schierhorn. Der Ortschronist entziffert trotz des Gezänks beiderlei Aufzeichnungen und verwertet die Informationen. Eine weitere Quelle sind die "Heimatstimmen" der Jahre 1925 bis 1937. "Die Beiträge darin haben hauptsächlich Geistliche und Lehrer verfasst", sagt Schierhorn. Außerdem schätzt er die Überlieferungen von Hans Dunker, der nicht nur das Wolmirstedter Museum, sondern seinerzeit auch den Heimatverein gegründet hat.

Ein Stück weit ist Werner Schierhorn in die Fußstapfen von Hans Dunker getreten. Auch er leitete bis zu seinem Renteneintritt das Wolmirstedter Museum und hat zwar nicht, wie Hans Dunker, den Heimatverein gegründet, dafür aber eine Plattsprechergruppe, die einmal im Monat "op Platt vertällt", also auf Platt erzählt. Das Plattdeutsche hält Werner Schierhorn außerdem in Vorträgen lebendig.

Doch das ist nicht das einzige Gebiet, in dem der Ortschronist neugierig unterwegs ist. Er weiß viel über die Geschichte der Post, des Königreiches Westfalen und natürlich über die Geschichte von Wolmirstedt. Momentan hat es ihm besonders das Geheimnis des ehemaligen Wolmirstedter Landrates Hasselbach angetan. "Der wurde zwar 1903 in Wolmirstedt mit allen militärischen Ehren beerdigt, aber es gibt kein Grab." Schierhorn verfolgt die Spuren bis nach Polen.

Auch die Geschichte der jüdischen Gemeinde Wolmirstedt spürt er auf, gemächlich. "Das ist ein langfristig angelegtes Projekt", sagt er. Und natürlich hat sich der Ortschronist auch auf die Suche nach den Wurzeln seines Namens begeben. "Eine Stadt bei Hamburg, trägt den Namen Schierhorn", hat er herausgefunden. Früher soll das ein "skier Horn", ein blankes Waldstück gewesen sein, aus dem die Leute nach einer Hungersnot im 13. Jahrhundert ausgewandert sind und den Namen weit ins Land getragen haben.

Hätte Werner Schierhorn einen Wunsch frei, so gälte der dem falschen Waldemar. "Dessen Geschichte könnte im Interesse der touristischen Vermarktung Wolmirstedts aufgegriffen werden, so, wie andere Städte ihren Roland pflegen", sagt er. Zumindest eine Tafel sollte an den Hochstapler erinnern, der sich mit Hilfe eines Siegelrings die Macht erschleichen wollte.