Der gemischte Chor Wolmirstedt feiert in diesem Jahr seinen 140.Geburtstag. Einige Sängerinnen haben schon den 100.Geburtstag erlebt und verbinden mit dem Chor große Erfolge.

Wolmirstedt l Der gemischte Chor feiert seinen 140. Geburtstag mit einem großen Sängerfest auf der Freilichtbühne am Sonnabend, 20. Juni im Rahmen des Stadtfestes. Dazu sind zehn befreundete Chöre eingeladen. Es gibt Kaffee und Kuchen und die Sänger und Sängerinnen hoffen auf ein reges Interesse aus der Bevölkerung, auf viele Zuhörer auf den Rängen.

Zu diesem Anlass wird die choreigene Fahne aus dem Schrank geholt. Die wurde vor 20 Jahren im Bürgerhaus geweiht, am 10. Juni 1995. "Das war das bewegendste Erlebnis, wenn ich an meine eigene Chorgeschichte zurückdenke", sagt Gisela Ahrenholz.

Gisela Ahrenholz` persönliche Chorgeschichte dauert schon 43 Jahre und damit hat sie lediglich die ersten 97 Jahre der gesamten Chorgeschichte verpasst. 1972 zog sie von Nordhausen nach Wolmirstedt, in der Zeit, in der das Kaliwerk viele Arbeitskräfte benötigte. "Meine erste Mission war, herauszufinden, ob es hier einen Chor gibt", schmunzelt die 73-Jährige, "erst dann habe ich mich um alles andere gekümmert." Inzwischen ist sie diejenige, die am längsten dabei ist. "Im Chor war es immer sehr gesellig", sagt sie.

Helga Wiese, die kurz nach Gisela Ahrenholz zu den Chorsängern stieß, erinnert sich gern an die Erfolge. "Der Chor war sogar ausgezeichnetes Volkskunstkollektiv", erzählt sie, das ist eine besondere Ehrung, die zu DDR-Zeiten verliehen wurde. Die Sängerinnen hatten sich die Würdigung redlich verdient. "Oh, die Kantaten, die hatten es in sich", denkt Helga Wiese zurück, "wir haben außerdem immer vierstimmig gesungen." Viele Konzerte wurden gemeinsam mit dem Dahlenwarsleber Zupforchester oder einem Blasorchester gestaltet.

Damals wurde die Qualität des Chores auch von staatlicher Seite regelmäßig geprüft. Bei Sängerfesten stellten sie sich dem Vergleich mit anderen. Bei feierlichen Anlässen, wie Jugendweihen oder zum Tag der Republik, gehörten sie zum festen Repertoire. Wochenendproben waren nicht ungewöhnlich, Heinz Pietsch setzte auf Perfektion.

Er war über 40 Jahre der Dirigent, fast bis an sein Lebensende. Durch ihn sei Helga Wiese zum Chor gestoßen. "Mein Mann war mit ihm befreundet, da war klar, dass ich dort mitzusingen habe."

Auch Heike Pforr verehrte Heinz Pietsch. "Ich bin oft mit meiner Mutter Ursula zu den Proben gekommen", erzählt sie. Als sie 14 Jahre alt war, habe Heinz Pietsch sie gefragt, ob sie mitsingen wolle. Das war kurz vor einem Auftritt zur Jugendweihefeier. Natürlich sagte sie zu, schließlich kannte sie die Lieder längst. "Außerdem war ich damals sehr stolz, dass ich den Schlips des Dirigenten vor den Auftritten über dem Arm tragen durfte", grinst sie. Seither gehört Heike Pforr dazu und ist mit ihren 41 Jahren noch immer die Jüngste im Chor. "Ein paar neue Sängerinnen und Sänger können wir gut gebrauchen", formuliert sie einen Geburtstagswunsch.

Ob Chorgesang die junge Generation begeistert, bezweifeln die Damen allerdings. "Wir wissen, dass wir für ein reifes Publikum singen", sagt Marianne Döring, die eine eifrige Sängerin, aber auch Rezitatorin ist, "aber wir finden es wichtig, altes Volksgut zu pflegen."

Genau dafür wurde der 1875 gegründete Chor im Jahr 1998 mit der Zelter-Plakette ausgezeichnet. Diese Plakette bekommen nur Chöre, die mindestens 100 Jahre alt sind und den Gemischten Chor Wolmirstedt gab es zu diesem Zeitpunkt bereits 123 Jahre. "Wir sollen der erste gemischte Chor gewesen sein, der diese Plakette erhielt", hat Marianne Döhring erfahren.

Inzwischen ist Nina Sinitsyna Dirigentin und der Chor wagt sich zunehmend auch an moderne Lieder heran, selbst in englischer Sprache, auch wenn die vielen nicht sehr geläufig ist. Derzeit singen über 30 Männer und Frauen im Chor, es hat schon schlechtere Zeiten gegeben. "Zur Wende gab es einen Bruch", erinnert sich Gisela Ahrenholz, "da kamen manchmal nur zehn Leute zur Probe." Viele mussten sich erst in die neue Arbeitswelt einfinden. Inzwischen sei die Disziplin wieder vorbildlich.

Und doch hat sich etwas verändert, was die Damen aber auf das fortgeschrittene Alter schieben und nicht auf das Gesellschaftssystem. "Heute geht jeder nach der Probe nach Hause", sagt Gisela Ahrenholz. Früher seien sie oft noch lange beisammen geblieben, haben auch am Wochenende geprobt und bei Auswärtsauftritten woanders übernachtet. Das gibt es nicht mehr, trotzdem beschreiben alle die Bindung der ChorsängerInnen untereinander als eng. "Wer länger krank ist, wird nicht vergessen", sagt Marianne Döring. Besuche gehören dazu.

Der Chor probt jeden Dienstagabend im Bürgerhaus, einen eigenen Chorraum gibt es jedoch nicht. "Wir würden gern unsere Erinnerungsstücke dauerhaft zeigen", sagt Heike Pforr. Eine Vitrine würden sie gerne aufstellen oder einen Platz für die Fahne haben. Die hat immerhin eine besondere Note, im wahrsten Sinne des Wortes. "Die Note darauf ist spiegelverkehrt aufgenäht worden", sagt Heike Pforr. Die Damen finden diesen kleinen Makel, den Laien gar nicht bemerken, charmant. Beim Sängerfest am 20. Juni wird das gute Stück die Bühne auf jeden Fall schmücken.