Auch 26 Jahre nach dem Ende der DDR ist das Interesse an der Aufarbeitung der Vergangenheit in Wolmirstedt noch groß. Zum Beratungstag des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen kamen gestern 30 Ohrstädter ins Rathaus. Über die Motive zur Einsicht in die Stasi-Akten sprach Karl-Heinz Klappoth mit dem Referenten Dr. Wolfgang Laßleben.

Volksstimme: Dr. Wolfgang Laßleben, Sie sind nicht das erste Mal in Wolmirstedt. Warum jetzt erneut der Termin?

Dr. Wolfgang Laßleben: Klare Antwort, weil der Bedarf auch noch 2015 besteht. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Dem wurde der Gesetzgebers gerade in den vergangenen Jahren verstärkt gerecht. Ein Beispiel, im Dezember 2010 trat das vierte Gesetz zur Verbesserung der rehabilitierungsrechtlichen Vorschriften für Opfer der politischen Verfolgung in der ehemaligen DDR in Kraft. Damit wurden die Fristen bis zum 31. Dezember 2019 verlängert. Für uns heißt dies, wir werden spätestens 2017 wieder nach Wolmirstedt kommen.

Wie erklären Sie sich, dass selbst 26 Jahre nach dem Mauerfall der Beratungstag unerlässlich ist?

Ich höre heute noch von Bürgern als Grund, dass sie den zeitlichen Abstand brauchten, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Aus diesem Grund sitzt mit Klaus Blaser auch ein Diplom Sozialarbeiter vom Caritas Sozialverband bei den Beratungen mit am Tisch. Oft sind es auch Bürger, die erst jetzt aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, vorher einfach nicht die Zeit, aber auch den Nerv dafür nicht hatten. Außerdem stieg mit dem 1. Januar 2015 die sogenannte "Opferrente" von 250 auf 300 Euro, da gibt es viele Nachfragen.

Wie groß war denn heute der Andrang?

Insgesamt 30 Bürger kamen, darunter viele, mit denen wir ein sehr zeitintensives Gespräch führten. Das ist erstaunlich, zeigt uns aber, dass der Bedarf weiter besteht. Aber die Zahlen der vergangenen Jahre erreichen wir nicht mehr. 2007 war ich das erste Mal in Wolmirstedt. Da kamen 115 Menschen, die um Rat suchten. 2009 waren es 167, 2011 zählten wir 107, 2013 dann 44. Heute begann um 9 Uhr die Beratung. Die ersten Bürger standen da bereits vor der Tür. Bis 17 Uhr waren es dann 30, die kamen.

Was ist der häufigste Grund, warum Bürger zu Ihnen kommen?

Unsicherheit. Auch noch nach über zweieinhalb Jahrzehnten wollen Menschen wissen, ob die Stasi über sie eine Akte geführt hatte. Seit Mitte März dieses Jahres sind wir in Sachsen-Anhalt unterwegs, und die häufigste Frage, die uns in all den Jahren gestellt wird, lautet: Wurde ich durch den Staatssicherheitsdienst bespitzelt? Und wenn es der Fall war, durch wen?

Wie würden Sie selbst Ihren Tätigkeitsbereich beschreiben?

Als Landesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt, mit Sitz in der Klewitzstraße 4 in Magdeburg, beraten meine Mitarbeiter und ich die Betroffenen oder zeigen ihnen Wege für eine Rehabilitierung auf. Sie können sich, wie in Wolmirstedt, damit den Weg nach Magdeburg sparen. Wir fahren pro Jahr etwa 40 Orte in Sachsen-Anhalt an. Im November 2014 waren wir beispielsweise auch in Groß Ammensleben und konnten vor Ort vielen Bürgern helfen.

Was ist für einen Antrag auf Akteneinsicht erforderlich?

Grundsätzlich der Personalausweis. Bei Anträgen zu verstorbenen nahen Angehörigen müssen Kopien der Unterlagen vorliegen, die das Verwandschaftsverhältnis zu dieser Person nachweisen. Allgemeines Interesse als Zweck reicht nicht.

Wie lange dauert es, bis der Antragsteller eine Nachricht bekommt?

Bei Personenrecherchen in den verschiedenen Stasi-Karteien im Zentralarchiv oder in den Außenstellen dauert die ganze Sache rund vier bis sechs Monate, bis zur Einsicht allerdings fast drei Jahre.