Wolmirstedt l Stella Grießbach ist 13 Jahre alt. Ihr Großvater sitzt im Rollstuhl und deshalb kennt sie die Probleme, die durch Bordsteine, holprige Wege, Stufen und zugeparkte Flächen entstehen. Beim Girls` Day in der Lokalredaktion wagte sie das Experiment, sich selbst im Rollstuhl durch die Stadt schieben zu lassen. Das Gefährt stellte Frank Seggelke, Einrichtungsleiter des Seniorenheims, zur Verfügung. Auf der Tour zeigte sich, dass viele Wege gut zu passieren sind, andere gemieden werden sollten, aber auch, dass es manchmal nicht weiter geht.

Vorbildlich

Das Rathaus ist für Rollstuhlfahrer gut zu erreichen. Der Türöffner ist niedrig genug angebracht, die Tür öffnet sich von selbst, das Haus ist ebenerdig betretbar und mit einem Fahrstuhl versehen. Außerdem lassen sich Straßen, wie die Julius-Bremer-Straße, die Bahnhofstraße und der Boulevard gut befahren. Auch die Bibliothek verfügt über eine Rolli-Rampe.

Geschüttelt

Holprig wurde es auf der Straße vor dem Bahnhof. Dort liegen kaputte Gehwegplatten, ebenso wie in der Samsweger Straße. Doch die Erschütterungen waren harmlos gegen die auf dem Kopfsteinpflaster, das Stella auf der Schlossdomäne erwartete. Zwar gibt es mit kleinerem Pflaster gelegte und glattere Spuren, aber die sind während der Feste auf diesem Platz oft mit Wagen zugestellt.

Auch den Weg an der Halle der Freundschaft würde Stella freiwillig nicht mit dem Rollstuhl befahren. "Der ganze Körper wurde geschüttelt und dieses Schütteln zentrierte sich vor allem im Bauch. Das war sehr unangenehm."

Hilfsbereit

Viele Geschäfte in der Wolmirstedter Innenstadt sind nur über Stufen erreichbar. Stella interessierte sich für das Geschäft von Andreas Lücke, den Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Innenstadt. "Menschen mit einer Gehbehinderung klopfen an die Schaufensterscheibe", erzählt er, "wir helfen ihnen in den Laden hinein oder manchmal genügt es auch, das Gewünschte vor die Tür zu bringen."

Beengt

Während der Tour traf Stella auf einen Berg Sperrmüll, der auf einem Gehweg gestapelt war. "Ich wäre beinahe nicht vorbeigekommen", sagt Stella. Beinahe wäre ihr nichts anderes übrig geblieben, als auf der Straße zu fahren.

Eng wird es für Rollstuhlfahrer auch, wenn Autos direkt vor den abgesenkten Bordsteinen parken. Das erlebte Stella direkt vor dem Seniorenheim.

Allein gelassen

Wird derjenige, der den Rollstuhl schiebt, von Passanten angesprochen, geschieht das naturgemäß im Rücken des Rollstuhlfahrers. Der Rollstuhlfahrer schaut während des Gesprächs nicht nur in eine andere Richtung, sondern sitzt auch noch eine "Etage" tiefer. "Ich habe mich sehr ausgeschlossen gefühlt", erzählt Stella, "es ist sehr unangenehm, so gut wie allein dazusitzen und vom Gespräch gar nichts mitzubekommen." Da hilft nur, den Rollstuhl so zu drehen, dass der Rollstuhlfahrer Blickkontakt zu den Gesprächspartnern bekommt.

Unmöglich

Es gibt Stellen, da ist die Welt für Rollstuhlfahrer zu

Ende
. Würde Stella wirklich im Rollstuhl sitzen, könnte sie nicht mit dem Zug Richtung Stendal fahren und auch nicht in Wolmirstedt aussteigen, wenn sie aus Magdeburg kommt. Der Tunnel am Bahnhof ist unüberwindbar.

Eine große Hürde ist auch der Bordstein am Zebrastreifen neben der Jahnhalle. Der ragt vier Finger breit über die Straße. "Ich habe Muskelkraft in den Beinen, die ich einsetzen kann, um diese Hürde zu überwinden. Rollstuhlfahrern fehlt diese Kraft. Der Bordstein ist ohne fremde Hilfe unüberwindbar", stellt Stella fest.

Unzugänglich für Gehbehinderte ist auch die Begegnungsstätte der Volkssolidarität in der Burgstraße. "Obwohl es eine Begegnungsstätte für Senioren sein soll, ist sie für Rollstuhlfahrer unerreichbar, da es weder abgesenkte Bordsteine noch eine Rollstuhlfahrerrampe gibt."

Auch der obere Burghof lässt sich von Rollstuhlfahrern nicht erklimmen.

Fazit

"An vielen Stellen können Rollstuhlfahrer bereits gut zurechtkommen, doch es gibt auch Probleme", hat Stella erfahren. Besonders alte Fußwege und Bordsteine stellen Probleme dar, die Gehende kaum bemerken.

<6>Ende

Stella steigt aus dem Rollstuhl. "Es ist sehr befreiend, dass ich nicht mehr auf andere angewiesen bin."<7><8>

   

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