An der Musikschule melden sich zunehmend Erwachsene an, um ein Instrument zu erlernen. In Auerbachs Mühle haben sie sich zum Erfahrungsaustausch und gemeinsamen Musizieren getroffen.

Wolmirstedt l Die Tische im Kaminzimmer von Auerbachs Mühle sind hübsch gedeckt, manche Gäste reden miteinander, andere schweigen. Alle umgibt jedoch die flirrende Aura des Lampenfiebers. Ihnen steht ein musikalischer Auftritt bevor, einigen gar der erste Auftritt des Lebens. Ruhepunkt in der Runde ist Musikschulleiter Armin Hartwig. Er freut sich, dass so viele seiner Einladung gefolgt sind.

"Von unseren rund 600 Musikschülern haben 38 bereits den 35. Geburtstag hinter sich", hat Armin Hartwig gezählt. Das sind knapp sechs Prozent. Tendenz steigend. Im vergangenen Jahr haben sich die erwachsenen Schüler zum ersten Mal getroffen, gemeinsam gegessen und füreinander musiziert. Dabei sind spontan Formationen entstanden, die nun, beim zweiten Treffen, gemeinsam auftreten.

Es gibt kein Programm für diesen Abend, jeder, der mag, spielt etwas vor. Melodien erklingen auch, während die Kellnerin das Essen bringt und leise mit dem Geschirr klappert. Dörthe Vorreiher gehört mit 72 Jahren zu den ältesten Musikschülerinnen. "Ich wollte immer schon Musik machen", sagt sie, "es ist ein Kindheitstraum." Nur habe das Familienbudget damals keine musikalische Ausbildung erlaubt. "Ich habe in einem Orchester Flöte gespielt, für meinen Beruf als Kindergärtnerin habe ich Gitarre gelernt", erzählt sie. Die Sehnsucht, Klavier zu spielen, blieb. "Als ich Rentnerin wurde, habe ich immer wieder darüber nachgedacht. Bis ich mich angemeldet habe." Inzwischen spielt sie vor ihrer Familie Klavier und auch in Auerbachs Mühle bekam Dörthe Vorreiher viel Applaus. Es war ihr erster Auftritt vor "Fremden".

Auch Heidemarie Hartung fand als Rentnerin den Weg in die Musikschule. Die 73-Jährige ist die Älteste im Bunde "Ich freue mich sehr über meinen Mut, Musikschulunterricht zu nehmen", sagt sie, "manchmal frage ich mich aber auch, was tue ich mir da an." Dennoch tue die Musik ihrem Wohlbefinden gut, gesteht die Lindhorsterin, "und ich bewundere die Lehrer, mit welcher Engelsgeduld sie mit uns arbeiten."

Engelsgeduld wird auch Querflötenlehrerin Pauline Stein nachgesagt. Als ihre Schülerin Katrin Windel jedoch das erste Mal vor Publikum Querflöte spielt, ist sie mindestens ebenso aufgeregt, wie die Musikschülerin selbst. Katrin Windel arbeitet in Wolmirstedt und hat sich mit 52 Jahren ohne musikalische Vorbildung an den Unterricht gewagt. Für ihren allerersten Auftritt hat sie sich mit Klavierschülerin Alexandra Schreihage zusammengetan. Als Katrin Windel unterbrechen muss, weil sie in der Aufregung vergessen hatte zu atmen, beginnen beide von vorn und am Ende strahlen Querflötenlehrerin Pauline Stein, Katrin Windel und Alexandra Schreihage im Trio über das gelungene Spiel.

Manuela Moritz hat drei Söhne, der älteste habe mit acht Jahren das Klavierspiel begonnen. "Ich habe immer gerne gesungen", sagt sie und nimmt seit ein paar Jahren Gesangsunterricht. Manuela Moritz sagt, sie sei wahnsinnig stolz, wenn sie mit ihrem Sohn gemeinsam auf der Bühne steht. Der ist inzwischen 25 und Jazzpianist.

Auch Kerstin Bethges Kinder haben die Musikschule besucht. "Ich war lange die einzige in der Familie, die kein Instrument spielen konnte", erzählt sie. Nach einer schweren Zeit habe sie im September vergangenen Jahres angefangen, Querflöte zu lernen. "Die Musik ist ein wunderbares Ventil für Emotionen", hat sie festgestellt. Ihr Spiel wird ebenfalls mit langem, herzlichem Beifall belohnt.

Dann steht ein Trio auf der Bühne. Janett Eichel (43) spielt bereits seit 15 Jahren Klavier, hat lediglich nach der Geburt ihrer Kinder pausiert. Jutta Knoop (57) lernte bereits als Kind Cello, dann passierte 40 Jahre lang gar nicht mehr. Nun sind die Kinder aus dem Haus und seit fünf Jahren ist sie wieder dabei. Martina Tippelt (55) spielt Flöte und nimmt auch Querflötenunterricht . Alle drei haben sich beim ersten Musikschultreffen kennengelernt und Lust bekommen, als Trio zu musizieren. Ein Jahr später feiern sie nun Premiere. "Allerdings haben wir nur zwei Mal gemeinsam geprobt", gestehen die Damen, bevor sie sich auf das nächste Stück konzentrieren.

"Niemand möchte hier Konzertmusiker werden", fasst Armin Hartwig zusammen, und auch bei Wettbewerben wird wohl keiner der Ü35-Musiker antreten. Diese Schüler setzen andere Prioritäten. "Durch den Unterricht hat sich mein Musikempfinden geändert", sagt Astrid Tutas (49), "ich besuche inzwischen klassische Konzerte und gern auch Musikschulkonzerte." Das weiß Armin Hartwig zu schätzen und sagt: "Wir freuen uns über qualifizierte Zuhörer, die wissen, was die Musiker leisten."

 

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