Ein eklatanter Hausärztemangel droht Wolmirstedt. Vier der acht praktizierenden Hausärzte haben bereits das Rentenalter erreicht, sind über 70 Jahre alt. Und: Obwohl Wolmirstedt statistisch gesehen gut mit Hausärzten versorgt ist, sind die praktizierenden Ärzte derart ausgelastet, dass sie neue Patienten kaum annehmen.

Wolmirstedt l Noch züngelt das Problem, aber sollten die vier über 70-jährigen Hausärzte in den Ruhestand gehen, käme das einem Flächenbrand gleich. Dann blieben nur noch vier Hausärzte für rund 11700 Bewohner. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Das beunruhigt auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV). "Von einer flächendeckenden und wohnortnahen Versorgung der Bevölkerung mit hausärztlichen Leistungen wird ausgegangen, wenn im Planungsbereich ein Hausarzt rechnerisch auf 1671 Einwohner entfällt", erklärt die KV. Demnach braucht Wolmirstedt sieben Hausärzte. Die Praxis ist jedoch schon jetzt katastrophal. Obwohl noch acht Ärzte praktizieren, werden neue Patienten nur noch mit viel Glück in die Kartei aufgenommen. Es gibt Wolmirstedter, die sich längst in Magdeburg einen Hausarzt suchen mussten.

Das Problem haben Kommunalpolitiker erkannt. FDP-Stadtrat Mark-André Krogel-Riemann hatte die Bildung einer Arbeitsgruppe initiiert, die vom Bürgermeister Martin Stichnoth (CDU) ins Leben gerufen wurde. Darin arbeiten Stadträte und Hausärzte mit, beim nächsten Treffen sollen Bundestagsabgeordnete dazu geladen werden.

Fakt ist, es ist eigentlich keine Aufgabe der Kommune, die Versorgung der Bevölkerung mit Ärzten sicher zu stellen. Dennoch nehmen sich die Arbeitsgruppenmitglieder des Themas an. "Unbedingt gehören auch der Kreis und das Land mit ins Boot", stellt Martin Stichnoth klar.

Hausärztemangel droht nicht nur in Wolmirstedt. Andere Gemeinden haben ebenfalls mit einem Notstand zu kämpfen. Büsum, eine 5000-Einwohner-Stadt an der Nordsee, die zur Urlaubszeit gern viermal so viele Menschen beherbergt, hat den Stier bei den Hörnern gepackt. Die Gemeinde hat eine gemeinnützige GmbH gegründet, 1,8 Millionen Euro in den Kauf eines Ärztehauses investiert und vier Ärzte, die bis dahin selbständig in Praxen gearbeitet haben, fest angestellt. Verantwortlich für das deutschlandweit einmalige sogenannte "Büsumer Modell" ist Harald Stender. Der ehemalige Klinikumsleiter ist in der Kreisverwaltung als Koordinator für ambulante Versorgung des Kreises Dithmarschen angestellt.

"Ich glaube, dieses Beispiel wird Schule machen", erklärt er im Gespräch mit der Volksstimme. Der große Vorteil sei, dass sich Ärzte nicht mit dem Kauf einer Praxis für Ewigkeiten auf einen Ort festlegen müssen. "Es gibt immer mehr junge Ärztinnen", sagt er, "und Frauen haben eine völlig andere Vorstellung davon, wie sie arbeiten möchten, als es bisher üblich war. Das gilt auch für Männer." Die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit, Familienpause, womöglich auch Umzug an einen anderen Ort, stehen mittlerweile hoch im Kurs. "Aber auch die älteren Ärzte profitieren davon", sagt Harald Stender. Die in Büsum angestellten Ärzte seien etwa 63 Jahre alt. "Sie können sich langsam in den Ruhestand ausschleichen", sagt er. Niemand müsse seine Praxis verkaufen und von einem Tag auf den anderen aufhören zu arbeiten. Ein weicher Übergang zwischen Vorgänger und Nachfolger sei möglich. "Außerdem können wir als Gemeinde flexibler bei der Nachfolgersuche arbeiten", sagt Harald Stender.

Bürgermeister Martin Stichnoth hat ebenfalls Kontakt nach Büsum aufgenommen. Er sieht ein von der Kommune getragenes Projekt in Wolmirstedt angesichts der defizitären Haushaltslage schwer umsetzbar. "Dennoch werde ich das Thema in den Kreistag einbringen", sagt er, "um zu sensibilisieren." Er könne sich so ein Modell in Wolmirstedt unter den Umständen vorstellen, dass Vorverträge mit Ärzten geschlossen werden.

Mark-André Krogel-Riemann setzt auf Werbung. "Wir sind ein hübsches Städtchen vor den Toren Magdeburgs, das sollten wir an der Uni bei den Studenten kommunizieren." Krogel-Riemann ist sich nicht sicher, ob eine Art Poliklinik ein Allheilmittel sein könnte. "Andererseits, wenn Absolventen vor einer eigenen Praxis zurückschrecken, ist die Idee vielleicht doch reizvoll."

Ulrich Apel praktiziert als Hausarzt in Wolmirstedt und gehört ebenfalls zur Arbeitsgruppe. "Die Nachwuchssuche ist ein herausforderndes Thema und wir sollten weitsichtig agieren. Schließlich ist eine gute ärztliche Versorgung ein wichtiger Standortfaktor." Er hofft auf die Unterstützung aus Kommunalpolitik und Verwaltung, arbeitet aber auch selber daran, junge Medizinstudenten für die Allgemeinmedizin im Allgemeinen und speziell in Wolmirstedt zu erwärmen. Seine Praxis steht Studenten für Praktika offen. In diesem Jahr sind fünf Nachwuchsmediziner eingeplant.