Als die Amerikaner im April 1945 Angern besetzten, zeigte Otto Wiese Mut indem er sich ihnen mit einer weißen Fahne präsentierte. An diese Tat erinnert seine Enkelin Ingrid Haselhorst.

Angern l Die Tochter von Ingrid Haselhorst staunte nicht schlecht, als sie bei der Lektüre der Volksstimme vom 8. Juni 2010 den Namen ihres Ur-Großvaters entdeckte. Sofort wies sie ihre Mutter darauf hin.

Denn Otto Wiese, so der Name des Großvaters von Ingrid Haselhorst, war nicht einfach so erwähnt worden. Er trat im April 1945 den amerikanischen Besatzern in Angern mit einer weißen Flagge entgegen und rettete so vermutlich zahlreichen Menschen das Leben.

Eigentlich wollte Ingrid Haselhorst schon früher darauf hinweisen, kam jedoch wieder über das Thema hinweg. Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, fast fünf Jahre nachdem der Artikel veröffentlicht wurde, fasste sie den Entschluss die Geschichte ihres Großvaters wieder aufzugreifen. Den Artikel hat sie aufgehoben, in Schutzfolie verpackt, damit er nicht beschädigt werden kann. Die entsprechende Stelle ist deutlich farblich markiert. Otto Wiese war damals bei der Reichsbahn angestellt. Er gehörte nicht zu den Soldaten, die auf dem Bahnhof und dem Friedhof versuchten das Dorf Angern zu verteidigen. "Ich vermute, dass er, als die Schießerein vorbei waren, nach draußen getreten ist", erzählt Ingrid Haselhorst. Als sich alle in den Kellern versteckten, bewies Otto Wiese Mut. Mit einer weißen Fahne, vermutlich ein umfunktioniertes Betttuch, ging er auf die amerikanischen Besatzer zu und beendete so den Angriff auf Angern.

Nachdem einige Scheunen in Brand geschossen wurden, war es vorher an jungen Männern als Soldaten das Dorf zu verteidigen. "Mir wurde erzählt, dass die Amerikaner aus Richtung Stendal kamen und bis Angern keinerlei Widerstand bekamen", berichtet Ingrid Haselhorst. Es sei den Soldaten auch angeboten worden, sie in Zivilkleidung zu verstecken. Vermutlich hatten sie zu viel Angst, doch entdeckt zu werden oder wegen Fahnenflucht erschossen zu werden.

Otto Wiese riskierte durch die Kapitulation sein Leben

Die Tat von Otto Wiese war in zweierlei Hinsicht mutig. Zum einen musste er fürchten von den eigenen Landsleuten wegen Fahnenflucht erschossen zu werden, zum anderen konnte niemand wissen wie die Amerikaner reagieren würden. Unterstützung habe er dabei nicht bekommen. "Es war eine Einzelaktion, ich bewundere ihn noch immer sehr dafür", sagt Ingrid Haselhorst. "Gerade kurz vor Kriegsende wurden Menschen für wesentlich geringere Dingen erschossen". Sie selbst hat ihren Großvater kaum noch richtig in Erinnerung, als er starb war sie drei Jahre alt. "Ich erinnere mich nur noch schemenhaft an ihn", erzählt sie.

Großvater verstirbt zehn Monate später

Umso tragischer mutet es an, dass der Großvater von Ingrid Haselhorst bereits zehn Monate nach seiner mutigen Aktion verstarb. Er sei mit einem befreundeten Russen im Wald auf der Jagd gewesen, berichtet Haselhorst. "Man fand beide tot, dazu noch einen Hasen als Jagdbeute. Wie das passiert ist wissen wir bis heute nicht", erzählt sie.

Nachdem die Amerikaner die Region rund um Angern im April 1945 eingenommen hatten, tauschten sie sie gegen einen Teil Berlins. Dies führte dazu, dass sie Russen fortan Angern kontrollierten und besetzten.