Joachim Schütte, langjähriger Bürgermeister von Dolle, war "Unterwegs in der Chronik von Dolle". In seinem interessanten Bericht, der mit der Gründung des Dorfes im 10. Jahrhundert beginnt, gibt es auch ein Kapitel über die zwangsweise Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR.

Dolle l Die 1949 gegründete DDR mit ihrer Regierung stand vollständig unter dem Einfluss der Ideologie der Besatzungsmacht. Danach gehörten alle privaten Produktionsmittel in die Hände des Volkes. So wollte es der Kommunismus. Dies galt auch für die Landwirtschaft. So kam es zu dem Beschluss von Partei und Regierung, dass nach einer Enteignungswelle der größeren Betriebe nun alle Landeigentümer ab ein Hektar Größe in eine Landwirtschaftliche Genossenschaft (LPG) per 1. Januar 1960 eintreten sollten.

Dies war auch den Bauern in Dolle sehr schwer gefallen. Sie hatten nach langem Druck und Schikanen schließlich alle diesen Schritt durch ihre Unterschrift gehen müssen. Als sich versammelten und besprachen, kam es zu einem Kuriosum: Es entstand nicht nur eine LPG, sondern gleich vier gründeten sich. Die Mitglieder jeder LPG wählten sich einen Vorsitzenden und meldeten dies beim Landkreis Tangerhütte an.

In der Folgezeit erhielten alle Bauern die Abgabebescheide für die tierischen Produkte und die Vorsitzenden die Bescheide für die pflanzlichen Erzeugnisse für das Jahr 1960. Man stellte nun fest, dass sich die Mengen bei den tierischen Erzeugnissen um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöht hatten und nicht um 10 Prozent gesenkt waren. Dies war vor dem Eintritt versprochen worden.

Bei den pflanzlichen Mengen fehlte die Absetzung der 0,50 Hektar individueller Flächen wie es gesetzlich vorgesehen war. Da es keine Reaktion auf ihre Beschwerden gab, bestellten die Bauern weiterhin alle Flächen einzeln. Erst als die Kartoffelernte nahte und die Einkellerungsaktion der Speisekartoffeln für die Bevölkerung nötig wurde, rührte sich der Gemeinderat. Am 9. September 1960 fand in der HO-Gaststätte in Dolle eine öffentliche Gemeindevertretersitzung statt. Es waren vor allem die LPG-Vorsitzenden eingeladen. Es kamen aber auch viele Mitglieder der LPG hinzu.

Der Bürgermeister erläuterte die Situation, dass es in Dolle nun vier weitere LPG vom Typ I gäbe: Sie hießen "Vogelgesang", "Friedrich-Ludwig Jahn", "Grüne Linde" und "Brauner Hirsch". Es gäbe aber noch immer Schwierigkeiten in der genossenschaftlichen Zusammenarbeit. Die LPG-Mitglieder beteiligten sich mit 23 Beiträgen an der Diskussion. Immer wieder tauchten die Fragen nach den erhöhten Pflichtabgaben auf, die aber nicht geklärt werden konnten. Der Bürgermeister stellte am Schluss dieses Tagesordnungspunktes fest, dass nun Vertreter des Kreises und des Bezirkes nach Dolle kommen müssten, um diese Fragen zu klären. Alle Namen und gesprochenen Worte wurden im Protokoll festgehalten.

Das Protokoll gelangte in die Hände der Staatssicherheit. Das Staatssekretariat für Staatssicherheit beim Innenministerium der Bezirksregierung legte am 30. Oktober 1960 eine neue Akte an.

Selbst Alois Pisnik musste sich Kritik gefallen lassen

Zu einem Forum am 1. Februar 1961 in der HO-Gaststätte in Dolle war auch Alois Pisnik, der 1. Sekretär der SED aus Magdeburg gekommen, der sich manche Kritik gefallen lassen musste. Er bemängelte öffentlich aber auch den zu frühen Abbruch der Arbeit der Brigade und die Zusammenarbeit mit den Bauern und der Bevölkerung im Dorf. Schließlich kam der Beschluss heraus, die vier LPG zu einer zu vereinen.

So entstand eine neue LPG vom Typ I die auch noch acht bisher noch abseits stehende Kleinbauern aufnahm. Die Stasi schloss am 6. November 1961 ihre Akte mit 149 Seiten. Sie stellt nun ein Dokument dar, ohne welches diese Vorgänge nie bekannt würden. Dagegen steht in der Akte allerdings kein Wort über die wiederholten Verhöre im Stasikeller in Tangerhütte. Nach ständig wechselnden Methoden wurden diese Verhöre stets mit dem Hinweisen auf strengste Verschwiegenheit beendet. Nachdem nun eine Mauer an der Grenze zum Westen gebaut war glaubte die DDR-Führung, sicherer ihre Ziele zu erreichen. Trotzdem wurde ein neues LPG-Musterstatut 1972 schon bei den ersten Versuchen es in Mecklenburg einzuführen, in den Versammlungen abgelehnt. Dieses neue Statut sollte die endgültige Enteignung der Bauern einleiten.

Die ständige Drangsalierung wirkte sich auch auf die heranwachsenden Jugendlichen in der Landwirtschaft aus. Sie sahen keine Perspektiven mehr und erlernten andere Berufe. Dies war auch weitgehend der Grund dafür, dass nach der Wiedervereinigung zu wenig ausgebildete Fachkräfte zur Neugründung größerer Betriebe zur Verfügung standen. Es fehlten vor allem betriebswirtschaftliche Kenntnisse für die neuen Verhältnisse in der Marktwirtschaft. So kam es lediglich zur Neugründung eines Betriebes durch einen Pächter aus Niedersachsen. Er ging aber bald in die Liquidation.

Heute gibt es im Dorf keine einzige Milchkuh mehr. Auch die Schweinehaltung wurde eingestellt. Alle Stallanlagen sind verkauft und stehen leer.