Wolmirstedt. "Ein lauter Knall, dann absolute Stille. Ich konnte nichts mehr sehen, hatte den Geschmack von Blut und Pulver im Mund, hörte Schreie. Und mein Bein tat schrecklich weh." Tony Ewert aus Magdeburg befand sich als Soldat zum Ende seines Afghanistan-Einsatzes am 7. Juni 2003 bereits im Bus auf dem Weg zum Kabuler Flughafen zurück in die Heimat, als dieser das Ziel eines Selbstmordanschlags mit einer Autobombe wurde. Vier seiner Kameraden neben ihm starben, 29 wurden verletzt. Tony Ewert selbst überlebte schwer verwundet...

Über seine Erlebnisse sprach er auf Einladung des Lionsclub Ohrekreis in der vergangenen Woche in Auerbachs Mühle. Im Kaminzimmer waren alle Plätze besetzt, als Tony Ewert über seine traumatischen Erfahrungen als Soldat mit einem Selbstmordattentäter berichtete.

"Die Erstversorgung erfolgte an einer menschlichen Großbaustelle"

Wer den 31-Jährigen heute als selbstbewussten und ausgeglichen wirkenden Mann erlebt, kann sich nur schwer vorstellen, welche traumatischen Erlebnisse, welch körperliches und seelisches Martyrium er zu durchleiden hatte. Das änderte sich am Mittwoch schlagartig, als Ewert das Geschehen in Erinnerung rief, untermauert von zum Teil so schockierendem Bildmaterial, das mancher Zuhörer, darunter mehrere Jugendliche, den Blick abwendete. Unglaublich, mit welcher sachlichen Distanz er über das Attentat berichtete, das zum Verlust eines Beines, eines Auges und zahlreicher anderen schweren Verletzungen führte, die ihn ein Leben lang beeinträchtigen werden.

Am Abend vor dem bis dahin schwersten Terroranschlag auf Bundeswehr-Angehörige in Afghanistan hatte man noch fröhlich gefeiert, zuvor die obligatorische Einsatzmedaille in Empfang genommen. Hier wurde auch das Foto gemacht, das Ewert zum letzten Mal als gesunden, unversehrten Mann zeigt.

Auf dem aktuellsten Bild, mit dem der Vortrag endete, ist der Magdeburger lächelnd als Tourist in Ägypten zu sehen. Dazwischen Fotodokumente vom "Schlachtfeld", dem total zerstörten Bus und was nach der Detonation von dem Selbstmordattentäter im Taxi übrig geblieben war sowie die schockierenden Bilder, die von Ewert im Krankenhaus gemacht wurden.

Tony Ewert, der in Kabul notoperiert und dann in ein künstliches Koma versetzt wurde, konzentrierte sich im Wesentlichen auf die Schilderung der Ereignisse, die nach dem Attentat auf ihn einstürmten, von der medizinischen Erstversorgung einer "menschlichen Großbaustelle", wie er sich sah, über seine Rückverlegung nach Deutschland, die langwierigen Behandlungen im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm und der sich anschließenden Rekonvaleszenz.

Mit eisernem Willen und Rückendeckung von Familie und Freunden kämpfte er sich ins Alltagsleben zurück. Unterstützung erfuhr er durch eine Spendenaktion, die ihm zu einem behindertengerechten Fahrzeug verhalf und somit ein wichtiges Stück Mobilität zurückgab. Hilfe erhielt Ewert auch von seinem obersten Dienstherrn, dem damaligen Bundesverteidigungsminister Peter Struck, der ihn im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus besuchte und Unterstützung bei der Wiedereingliederung in das Berufsleben zusagte.

"Ich würde jederzeit wieder als Soldat vor Ort Unterstützung geben"

Ewert erhielt dann auch tatsächlich eine Laufbahnausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst bei der Bundeswehrverwaltung, die er erfolgreich absolvierte. Heute ist er Regierungsoberinspektor und arbeitet im Berufsförderungsdienst in Burg.

Für Tony Ewert geht das Leben weiter, nur anders, wie er sagt. Er hat es geschafft, seinem Leben neue Ziele und Inhalte zu geben. Für die Art und Weise, wie er sich mit seinem Schicksal arrangiert hat, gebührt ihm allergrößte Hochachtung. Man spürt, dass er mit sich selbst im Reinen ist, wenn er den amerikanischen Schauspieler Peter Fonda zitiert: "Manchmal, wenn ich aufwache und jemand fragt mich: ¿Wie geht\'s?\', sage ich immer: ¿Ich lebe\' Und wenn jemand fragt: ¿Ist das alles?\' dann antworte ich: ¿Das ist das Wichtigste\'."

Dass während des gesamten Vortrages kein Wort der Anklage oder Schuldzuweisung über seine Lippen kam, löste Fragen aus. So wollten mehrere Lionsfreunde wissen, ob seinerzeit nicht ausreichend für den Schutz der Soldaten gesorgt worden sei, wie er die Situation in Afghanistan heute einschätze und ob er wieder dahin zurückkehren würde. "Ich halte den militärischen Einsatz nach wie vor für dringend notwendig, um dort für Sicherheit zu sorgen und den Menschen zu helfen, das Land wieder aufzubauen. Ich selbst würde zu jeder Zeit wieder als Soldat vor Ort Unterstützung geben!"

Ewert berichtete aber auch von Kameraden, die von den Ereignissen stark traumatisiert sind und nicht oder nur schwer ins normale Leben zurückfinden. An dieser Stelle meldete sich ein Ehepaar zu Wort, deren Sohn an den Kriegsfolgen zu zerbrechen droht und bereits mehrere Selbstmordversuche hinter sich hat. Derzeit bekommen sie keinen Kontakt zu ihm und waren in ihrer Verzweiflung zu dem Vortrag gekommen, um sich von Ewert Rat zu holen. Der nahm sich nach der Veranstaltung viel Zeit für ein persönliches Gespräch, tröstete und versprach Hilfe.

Bleibt hinzuzufügen: Die schweren Verwundungen Tony Ewerts waren der Präzedenzfall dafür, dass die Politik gravierende Lücken im Versorgungsrecht für Soldaten mit Einsatzfolgeschäden schloss und sie rückwirkend ab 2002 in Kraft setzte.