Ein Zettel an der Informationstafel der Adler-Apotheke warnt die Kunden davor, sich ohne ärztliche Verordnung mit Jod zu therapieren. Die Atomkatastrophe in Japan hat vor allem in dem betroffenen Land dazu geführt, dass die Menschen sich einen Vorrat von Jodtabletten zulegten. Doch helfen diese Pillen wirklich, radioaktive Strahlenbelastung zu vermeiden? Und kommt es auch in Wolmirstedt zu Hamsterkäufen? Die Volksstimme hörte sich um.

Wolmirstedt. Keiner der drei Wolmirstedter Apotheker kann davon berichten, dass die Kunden nach den neuesten Nachrichten panisch zu ihnen kommen und nach Jod verlangen. "Aber wissen wollen die Leute schon, ob die Einnahme von Jod ohne ärztliche Verordnung etwas bringt", berichtet Oberpharmazierat Konrad Riedel seine und die Erfahrungen seiner Mitarbeiter. Deswegen hat er im Eingangsbereich eine informative Pressemitteilung der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ausgehangen. Darin wird dringend davon abgeraten, auf eigene Faust Jodtabletten einzunehmen.

"Wir befinden uns in einem Jodmangelgebiet. Deswegen gibt es Tabletten mit 100 beziehungsweise 200 Mikrogramm rezeptfrei zu erwerben. Damit wird die Schilddrüse zur Produktion ihres wichtigen Hormons angeregt", weiß Apothekerin Heidemarie Mewes. Doch die Einnahme solcher Pillen wird nur für Menschen mit diagnostizierter Unterfunktion beziehungsweise Schwangere und Stillende empfohlen, die einen erhöhten Jodbedarf haben. In ihrer Apotheke hätte nach dem Unglück in Japan aber niemand nach Jod verlangt.

Auch Heike Fuldner-Moser, Inhaberin der Rathaus-Apotheke, verzeichnet kein besonderes Nachfrageverhalten ihrer Kunden. "Eine Panik wäre auch völlig unnötig", ist sich die Pharmazie-Fachfrau sicher. "Man kann die Menschen beruhigen, denn es macht in unseren Breitengraden keinen Sinn, Jod nur wegen den Vorfällen in Japan präventiv einzunehmen." Im Gegenteil.

Zu viel Jod kann schaden

Ein Zuviel dieses Stoffes kann sogar ernsthafte Nebenwirkungen haben. Davor warnt auch die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. "Erwachsene über 45 Jahren sollten grundsätzlich keine hochdosierten Jodtabletten einnehmen, da diese das Risiko für schwerwiegende Schilddrüsenerkrankungen erhöhen", heißt es in einer Pressemitteilung. Der Katastrophenschutz sei Angelegenheit der Bundesländer, ebenso wie die Bevorratung mit entsprechenden Medikamenten und deren Verteilung.

Wie kann Jod die Menschen im Fall einer atomaren Katastrophe überhaupt schützen? "Die Schilddrüse braucht Jod zur Hormonbildung und regelt selbst, wieviel sie aufnimmt", erklärt Oberpharmazierat Konrad Riedel. Dabei unterscheidet sie aber nicht zwischen dem normalen, guten Jod und dem radioaktiven, das bei einem atomaren Unfall freigesetzt und durch Atmung, Nahrung oder über die Haut aufgenommen wird. Das Jod, was in den Körper gelangt, wird in der Schilddrüse aufgenommen, angereichert und kann so zur Schädigung dieses wichtigen Organs führen. "Die Schilddrüse ist zum Beispiel sehr anfällig für Krebs", weiß Riedel.

Ist das Organ mit gutem Jod gesättigt, kann es nichts mehr von dem gefährlichen Jod aufnehmen. Deshalb kann durch die Einnahme von Tabletten - was am besten kurz vor, während oder maximal zwei Tage nach dem Atom-Zwischenfall passiert - die Speicherung von radioaktivem Jod im Körper verhindert werden.

Auch Konrad Riedel warnt eindringlich vor der Selbstmedikation. Dort, wo man Jod brauchen könnte, liegt es seines Wissens schon. "Die Energieversorger haben im Jahr 2004 mal 137 Millionen Jodtabletten pressen lassen und als Notfalldepots in und rund um die Atomkraftwerke herum deponiert", hat er recherchiert.

 

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