Die Situation der Wolmirstedter Innenstadt ist prekär. Zumindest aus Sicht der Händler. Unzählige Märkte locken Kunden auf die grüne Wiese, die Landeshauptstadt mit ihren Einkaufscentern steht quasi vor der Tür. Diese Konkurrenzsituation macht den Wolmirstedter Geschäftsleuten seit Jahren das Leben schwer. Ob es Wege aus der Krise gibt, darüber sprachen die Mitglieder der IG Innenstadt kürzlich mit Stadträtin Gisela Gerling- Koehler und der stellvertretenden Bürgermeisterin Marlies Cassuhn.

Wolmirstedt. Das Problem ist nicht allein das Problem der Händler, auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag. Sterben die Geschäfte, stirbt das Herzstück der Stadt. "Eine Stadt braucht eine lebendige Innenstadt", brachte es Gisela Gerling-Koehler auf den Punkt, "sonst ist die Stadt nur eine Ansammlung von Häusern." Die Geschäfte halten sich nur, wenn der Umsatz stimmt. Doch der sinkt seit Jahren bei vielen in den Keller. Da ist guter Rat teuer.

Gisela Gerling-Koehler konstatierte: "Man kann gut in Wolmirstedt leben, ohne die Innenstadt zu besuchen. Alle Butter- und Brotgeschäfte führen vom Zentrum weg." Da seien nach der Wende Planungsfehler gemacht worden. Die sind nun nicht mehr zu beheben. Dennoch, die Händler der Innenstadt geben nicht kampflos auf. Sie entwickelten Traditionen, organisierten Advents- und Frühlingsfeste, zeigten, uns gibt es noch. Die Feste waren Kracher, danach kehrte die Leere zurück. "Was sollen wir noch tun?", fragte Andreas Lücke, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Innenstadt.

Die IG Innenstadt suchte Rat, lud im Winter den Staatssekretär André Schröder ein. Der hatte sich mit den Chancen der demografischen Entwicklung beschäftigt. Zu dieser Veranstaltung gesellten sich viele, denen die Zukunft der Stadt am Herzen liegt, und viele erfuhren erstmals von der Not der Händler. Jörg Brämer vom NABU übertrug seine Erfahrungen mit dem Naturschutz. "Viele Schüler kommen morgens mit dem Bus zum Gymnasium und fahren nachmittags wieder auf ihre Dörfer", stellte er fest, "die kennen die Innenstadt gar nicht. Warum übernimmt nicht jedes Geschäft eine Patenschaft über eine Klasse und bringt ihnen Wolmirstedts Zentrum nahe?"

Auch die stellvertretende Bürgermeisterin Marlies Cassuhn will sich mit dem schleichenden Tod nicht abfinden. Sie fand Fördertöpfe fürs Stadtmarketing im Zuge des demografischen Wandels. Ob Wolmirstedt daraus schöpfen kann, wird sich zeigen. 50 000 Euro sind beantragt und sollen langfristig die Perle Wolmirstedt polieren. Boutique-Betreiberin Kerstin Andrée regte einen Wettbewerb an, in dem Studenten um das beste Stadtmarketing ringen.

Für die Händler wird derweil die Luft immer dünner. "Eigentlich brauchen wir einen Zauberstab", sagte Zoohändler Rudolf Giersch, "wir wissen nicht, geht es morgen oder übermorgen überhaupt weiter". Auch Odette Wolff vom Uhren-Schmuck-Geschenke-Laden sieht die Zeit davonlaufen. "Wir können nicht immer nur groß denken. Wir brauchen mal eine schlaue Nase, die uns im Einzelnen hilft."

Hilfe bedeutet, den Kunden den Weg in die Geschäfte der Innenstadt zu ebnen. Damit sie sich nicht ausschließlich ins Auto setzen und nach Magdeburg fahren. Gisela Gerling-Koehler sieht vorerst nur einen Weg. "Wir müssen die Wolmirstedter wieder an ihre Innenstadt gewöhnen." Das Lebensgefühl dieser Stadt ist zumindest an den Markttagen Mittwoch und Freitag spürbar. "Das sollten wir ausbauen", regte sie an, "vielleicht den Markt mehr in die Abendstunden ziehen oder mit gezielten Aktionen der Geschäftsleute die Markttage noch attraktiver gestalten." Ob es hilft, das Durchfahren des Boulevards wieder zu gestatten, wurde auch diskutiert. Auf jeden Fall sei es wichtig, den Zentralen Platz künftig so zu gestalten, dass man gerne verweilt.

Marlies Cassuhn sieht es ebenso notwendig an, die Schlossdomäne mit einem Schlossladen zu beleben. Dann wäre die Einkaufsmeile die Achse zwischen zwei interessanten Punkten. "Außerdem müssen wir Tagesreisende für unsere Stadt begeistern." Viele Ältere buchen solche Tagesreisen, wie nach Halle ins Hallorenmuseum. "Warum nicht nach Wolmirstedt?", fragte die stellvertretende Bürgermeisterin. Außerdem insistierte sie: "Auch wenn es niemand mehr hören kann, aber ich träume trotzdem davon, den Schwung der 1000-Jahr-Feier zu nutzen. Da waren viele Bürger mit ihren Ideen präsent." Gisela Gerling-Koehler versprach, im Stadtrat den Problemen der Händler eine Stimme zu geben, denn: "Unsere Innenstadt darf nicht vor die Hunde gehen."