Seit 14 Jahren arbeitet Ute Groke nun schon in der kleinen DB-Agentur im Wolmirstedter Bahnhof. Für die Reisenden ist sie seit jeher die direkte Anlaufstelle in Sachen Fahrkarten und Auskünfte. Im Sommer ist nun Schluss damit. Dass sie ihre Agentur nicht mehr betreiben kann, dafür macht sie die "aggressive Preispolitik" und die veränderten Provisionsmodelle seitens der Bahn AG verantwortlich. Am 30. Juni wird sie zum letzten Mal hinter ihrem Schalter stehen.

Wolmirstedt. Ute Groke ist den Tränen nahe. Seit Monaten sinken die Umsätze derart rapide, dass gerade so die anfallenden Fixkosten von 1500 Euro für Miete, Strom, Versicherung und Internet gedeckt werden können. Die 50-jährige Bittkauerin fühlt sich von der Bahn-AG im Stich gelassen. Seit der Privatisierungsinitiative im Jahre 2003 ist Ute Groke als feste Mitarbeiterin der Bahn in die Selbständigkeit gewechselt, hat mit ihrer damaligen Kollegin die Fahrkartenverkaufsstelle übernommen und diese als eigenständiges Unternehmen weitergeführt. Als ihre Kollegin vor zwei Jahren überraschend verstarb, betrieb sie die Agentur aus eigener Kraft und mit viel Herzblut weiter.

Für jede verkaufte Fahrkarte erhält die Unternehmerin von der Bahn AG eine Provision, so dass ein Auskommen garantiert sein sollte. Im Laufe der Jahre wurden die Provisionen mittels neuer Modelle durch die Bahn AG regelmäßig zurückgefahren. So sank der Gesamtprovisionssatz durchschnittlich von 6,8 auf 6,4 Prozent. Schließlich brachte der Wegfall von Provisionen für Großkunden zu Beginn dieses Jahres das Fass zum Überlaufen.

Großkunden, das sind Firmen, die beispielsweise für die Dienstreisen ihrer Mitarbeiter aufkommen und große Mengen an Tickets auf einmal erwerben. "Das Kaliwerk hat regelmäßig eine große Anzahl Fahrkarten bei mir bestellt. Nun bekomme ich keine Provision mehr darauf."

Aber auch Privatkunden kaufen immer seltener bei ihr eine Karte. "Um sich beraten zu lassen, kommen sie natürlich gerne, aber das Ticket erstehen sie dann doch lieber am Automaten oder im Internet. Das macht sich sofort in meinen Umsatzzahlen bemerkbar", nennt Ute Groke einige Beispiele. Das bedeute für das Jahr 2009 auf 2010 ein Umsatzminus von 56000 Euro. Bereits für 2011, das noch keine sechs Monate zählt, seien schon 8000 Euro Verlust zu verzeichen.

Oft sehen sich die Agenturen gezwungen, die teureren Bahnangebote zu verkaufen. Dass die Kunden allerdings lieber die niedrigeren Preise aus den Automaten vorziehen oder sich ihr Ticket gar aus dem Supermarkt holen, ist sogar für die Agenturistin verständlich. Es ist das Verhalten seitens der Bahn, das sie ärgert: "Es scheint so, als ob die Bahn ihre Kunden absichtlich durch Preiskämpfe an die Automaten lenkt. Und jeder Kunde, der am Automaten kauft, ist ein Kunde weniger, der mir Provision einbringt." Würde sie, wie ihr seitens der Bahn AG gestattet wäre, das Serviceentgelt auf eigene Faust erhöhen, fielen noch mehr Kunden als bisher weg. In einem im Februar verfassten Brief an den Vertrieb der DB in Frankfurt zeigte sie ihre ausweglose Situation auf und bat um ein Gespräch. Der Vertrieb bleibt ihr bis heute eine Antwort schuldig.

Ute Groke drückt ihre Lage drastisch aus: "Würde ich weitermachen wie bisher, blieben am Ende des Monats gerade mal 200 Euro zum Leben übrig. Davon kann keiner existieren."

Daran, dass das Bahnhofsgebäude für die Wolmirstedter ab Juli zunächst geschlossen bleiben wird, führt nun kein Weg mehr vorbei. Die Kündigung an die DB ist bereits rausgeschickt.

"Der Bahn eine persönliche Note verliehen"

Der Wolmirstedter Marko Schmidt ist über die Bahn verärgert: "Frau Groke hat dem Bahnhof immer eine persönliche Note verliehen, war für alle direkte Ansprechpartnerin. Besonders die älteren Menschen kaufen nur widerwillig an den komplexen Automaten und sind auf ihren Service angewiesen."

Die Wolmirstedter kämen gerne in die kleine Agentur, sei es, um noch einen Kaffee zu trinken oder eine Zeitung zu holen oder sich ein wenig mit Ute Groke zu unterhalten, sagt er.

Mit dem Auszug der Agentur wird auch das Bahnhofsgebäude zunächst komplett dicht gemacht. Reisende, die zu den Gleisen wollen, müssen dann um das ganze Gebäude herumlaufen. "Wie sieht denn überhaupt so ein leerstehender Bahnhof aus? Das soll dann noch Wolmirstedt repräsentieren?", fragt sich Marko Schmidt kopfschüttelnd.

Auch Anna Brand, die mindestens einmal im Jahr aus Zürich anreist, um ihre alte Heimat zu besuchen, reagiert erschrocken auf die Neuigkeit: "Wenn der Servicepoint schließt, kann Wolmirstedt gleich mit zu machen."

Auf Nachfrage der Volksstimme betont die Pressestelle der Deutschen Bahn, dass die Agenturen stets eigenwirtschaftlich agieren. So können sie über die wirtschaftlichen Entscheidungen der Agenturbetreiber keine Auskunft geben und haben auch kaum Einfluss darauf.

Bezüglich der Änderungen des Provisionsmodells habe sich die Bahn-AG an Modellen orientiert, die im Flugreisesegment schon lange gängige Praxis seien. Sämtliche Agenturen, so heißt es weiter, haben im Wesentlichen die neuen Konditionen weitestgehend akzeptiert. Der Bestand bleibe an den deutschen Bahnhöfen weiterhin stabil. Doch Ute Groke sagt von sich, dass sie kein Einzelfall sei, wie die Bahn es darstellt: "Ich stehe nicht alleine da mit den Problemen. Alle kleineren Agenturen haben momentan sehr zu kämpfen." So haben sich im April dieses Jahres circa 30 Agenturbetreiber mit einem persönlichen Schreiben, welches auch der Redaktion vorliegt, an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Dr. Rüdiger Grube, gewandt und ihre Situation in den kleineren Agenturen geschildert - bis heute ohne verbindliche Antwort.

Vertreter der Stadt Wolmirstedt setzten sich bereits für Ute Groke ein. Bürgermeister Dr. Hans-Jürgen Zander wandte sich mit einem persönlichen Schreiben an den Vorsitzenden der Geschäftsführung, Jürgen Büchy, ebenfalls ohne nennenswerten Erfolg.

Auch Waltraut Wolff, SPD Bundestagsabgeordnete und Mitglied des Deutschen Bundestages, setzte sich nach Ute Grokes Kündigung mit dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn AG für Sachsen-Anhalt, Jobst Paul, in Verbindung. Dieser antwortete in einem knapp formulierten Schreiben, dass eine Agentur in Wolmirstedt weiterhin vorgesehen sei. So werde es in Kürze eine Ausschreibung geben, um die Agentur in diesem Jahr wieder neu besetzen zu können. Auch seitens der Pressestelle wurde bestätigt, dass es im Interesse der Deutschen Bahn sei, Wolmirstedt als Standort für eine DB-Agentur zu erhalten.

Das Problem werde doch nur verlagert, sagt Eva Marquart, Mitarbeiterin von Waltraut Wolff, und fügt hinzu: "Das wird von der Bahn in keinster Weise honoriert, dass hier jemand mit Leib und Seele eine Agentur betreibt."

Vor wenigen Wochen erhielt Ute Groke von der Vertriebsleitung ein Schreiben, in dem zu lesen war, dass ein Agenturbeirat gegründet werden solle und ob sie sich da nicht bewerben möchte. Sinn und Zweck dieses Beirates sei, dass die Agenturbetreiber sich besser untereinander austauschen können. Ob die Mitglieder des Beirates auch Handlungsmacht erhalten, lässt sich allerdings nicht herauslesen. Ute Groke ist misstrauisch: "Die wollen uns damit nur ruhigstellen." Dass der Brief allerdings nicht an sie, sondern an ihre verstorbene Kollegin adressiert war, ist für Ute Groke nicht nur eine Pietätlosigkeit, sondern gleichzeitig auch ein Beweis dafür, dass die Bahn AG tatsächlich kaum etwas über die Zustände in den kleinen Agenturen wisse.