Bürgermeister Dr. Hans-Jürgen Zander hatte es am Dienstagnachmittag schwer, die aufgebrachten Bürger im Katharinensaal zu beruhigen. Auf einer Informationsveranstaltung zu Hoch- und Grundwasserproblemen waren gut 100 Anwohner von Ohre und Alter Elbe eingeladen, Fachleuten aus den verschiedenen Ämtern ihre Probleme zu schildern und deren Meinung dazu anzuhören.

Wolmirstedt. Nicht nur die Anwohner der Ohre hatten in diesem Jahr mit dem oder besser gegen das Wasser zu kämpfen. Wo vor dem Deich der Fluss über die Ufer trat, war es dahinter das Grund- und Drängwasser, was Wege, Felder und Keller flutete. Bei den Betroffenen hat sich ein Gefühl der Hilflosigkeit breit gemacht. Als ein Ausdruck dessen wurde vor Kurzem in Elbeu eine Bürgerinitiative (BI) zum Schutz vor Hoch- und Grundwasser gegründet (Volksstimme berichtete).

Bürgermeister Dr. Zander bat daraufhin per Einladung die Anwohner in den Katharinensaal. Auf dem Podium hatten Vertreter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz, aus dem Unterhaltungsverband "Untere Ohre", der unteren Wasser- und der Naturschutzbehörde Platz genommen. Sie alle versuchten, den emotional angespannten Zuhörern ihre Sicht der Sachlage darzustellen.

Der Ist-Stand:

"Unter den Gewässern erster Ordnung ist die Ohre nach Elbe und Saale die Nummer drei in unserem Bereich", erklärte Christian Jung vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) die Bedeutung des Flusses, der seinen Anwohnern so große Probleme macht. Der Flussbereichsleiter hatte Skizzen zur Entwicklung der Wasserstände mitgebracht und konnte darauf viel mehr Spitzen erkennen als normal. Schuld am Anstieg des Pegels sei das außergewöhnliche Klima der letzten Jahre. "Entgegen der Prophezeiung der Klimaforscher gab es nur kurze Sommerphasen mit niedrigen Wasserständen", bilanzierte der Fachmann. Stattdessen hätte man es mit relativ feuchten Monaten zu tun gehabt.

Jung erinnerte an die Historie des Elbstromtals, in dem sich Wolmirstedt befindet. Durch den Bau des Mittellandkanals und die Schaffung der großen Kiesseen sei der Wasserstand im Boden künstlich niedrig gehalten worden. "Dieser Zustand ist jetzt vorbei."

Eines war Jung wichtig, herauszustellen: Nämlich, dass die Ohre ohne Rückstau von der Elbe abließt. "Der Rückstaupunkt liegt außerhalb des Stadgebietes, etwa auf Höhe der Glindenberger Brücke."

Die Zukunft:

Im Auftrag des LHW erarbeitet das Magdeburger Ingenieurbüro Muting Hochwasser-Schutzpläne, sogenannte Hochwasser-Managementkonzepte. "Die hydrologische Situation ist seit Anfang 2010 im ganzen Land extrem angespannt", leitete Lutz Vogel seinen kurzen Vortrag ein. Der Prokurist und Diplom-Ingenieur für Wasserwirtschaft stellte die Ergebnisse der Studie für Wolmirstedt und die Ohre vor, die nach einem Jahr Arbeit derzeit kurz vor der Fertigstellung steht.

Das Ingenieurbüro hat für seine Untersuchungen die Wiederkehrsintervalle des Hochwassers berechnet und in zehn-, hundert- und zweihundertjährige, also extreme Hochwasser eingeteilt. Anhand von Bildern präsentierte Lutz Vogel den Anwesenden die Ergebnisse. Der Berechnung hat man dabei das Hochwasser von der fließenden Welle zugrundegelegt, also das Wasser, das direkt aus der Ohre kommt.

"Für den Bereich Fischerufer besteht dabei keine Gefahr, weil das Gelände relativ schnell ansteigt. Bei Hochwasser sind dort maximal Gärten und Nebengebäude betroffen", bilanzierte der Experte. Im südlichen Bereich, also Richtung Elbeu, sei lediglich die Straße Am Küchenhorn nicht durch den Deich geschützt und immer vom Ohre-Hochwasser betroffen. "Die Bebauung ist hier so nah am Fluss dran, dass man teilweise Gebäude abreißen müsste, die man eigentlich vor Hochwasser schützen will", so Vogel. Deshalb würde sein Büro im Ergebnis der Untersuchung keine Schutzmaßnahmen für diesen Bereich empfehlen, weil es "nicht vernünftig und technisch nicht möglich" sei.

Auf die Frage von Anwohner Jürgen Bednorz, ob man nicht eine Spundwand setzen könnte, musste Vogel verneinen. "Da müssten wir nicht nur alle Bäume, sondern auch Teile der Nebengelasse und der Gebäude wegnehmen. Selbst wenn eine Spundwand vor dem Hochwasser schützt, haben die direkten Ohre-Anwohner dann immer noch das Drängewasser auf ihren Grundstücken oder in ihren Häusern."

Die Anwohner-Fragen:

Nach den sachlichen Informationen der Experten bekamen die Zuhörer Gelegenheit, ihre Fragen zu stellen. Wer ans Mikro trat, konnte seine Emotionen teilweise kaum zurückhalten. Tenor der Betroffenen: Die Ohre ist nicht nur verkrautet, sondern auch voller Sandbänke. Eindringlich äußerten die Anwohner ihren Wunsch nach einer Säuberungs- und Ausmähungsaktion, wie sie zuletzt vor mehr als 20 Jahren stattgefunden hätten.

Nicht nur Christian Jung vom LHW, sondern auch Jörg Brämer vom Naturschutzbund (NABU) rieten jedoch davon ab. "Das sind ihre Wahrnehmungen, denen stehen allerdings aktuelle Vermessungen entgegen, nach denen es nur geringe Sandauflandungen gibt, die das Abflussverhalten nur unwesentlich beeinflussen."

Empörung machte sich breit. "Haben wir denn alle Tomaten auf den Augen?", so eine rhetorische Frage als Zwischenruf aus den Zuschauerreihen.

Auf telefonische Nachfrage der Volksstimme bestätigte Christian Jung gestern noch einmal seine Aussagen. "Die aktuellen, kleinen Anlandungen im Gewässerprofil beeinflussen das Abflussvermögen kaum. Bei Hochwasser haben diese Sandbänke sowieso keine Auswirkungen. Normalerweise sind es zwischen vier und fünf – aber bei Hochwasser fließen bis zu 30 Kubikmeter pro Sekunde immer noch schadlos durch die Ohre." Von deren Oberflächenwasser seien dann auch nur direkte Anwohner betroffen. Jörg Brämer hatte seinem Amtskollegen vom LHW am Dienstag zugestimmt und versucht, den Zustand der Ohre mit Luftbildern zu verdeutlichen. "Das Schilf, über das sie schimpfen, arbeitet sogar in ihrem Sinne. Es hat eine ähnliche Funktion wie die Buhnen in der Elbe und hält die Fließgeschwindigkeit bei Niedrigwasser hoch, damit sich keine Auflandungen ablagern. So wird das Flussbett vertieft, bis sich ein Gleichgewicht herstellt."

Das Fazit:

Eine konkrete Lösung war nach der Informationsveranstaltung für die Anwohner nicht in Sicht. Eher diente die Zusammenkunft als Anhörung der gegensätzlichen Meinungen von Betroffenen und Experten. Jürgen Bednorz von der Bürgerinitiative zum Schutz vor Hoch- und Grundwasser überreichte dem Bürgermeister einen Katalog von Fragen und Forderungen. Dieser enthielt unter anderem den Wunsch nach einem konkreten Notfallplan für Hochwasserlagen. Constanze Köppe vom Unterhaltungsverband "Untere Ohre" lud Vertreter der BI dazu ein, an der turnusmäßigen Grabenschau Ende März teilzunehmen, da auch der Zustand der Alten Elbe und ihrer Zuläufe kritisiert worden war.

Einen eindringlichen Appell und die Bitte um einen Vor-Ort-Besuch hatte auch Frau Kanzler an die Vertreter auf dem Podium gerichtet. "Die Demokratenbreite säuft seit acht Wochen ab und niemand kümmert sich. Wir kommen uns vor wie das ungeliebte und unbeachtete Stiefkind der Stadt", machte sie auf die Probleme in ihrer Nachbarschaft aufmerksam, wo das Wasser auf den Grundstücken teilweise bis zu 40 Zentimeter hoch stünde. Der Bürgermeister notierte sich alle Fragen und Hinweise und versprach, diesen nachzugehen. Auch soll es ein Treffen wie das am Dienstag bald wieder geben.

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