Schüler haben naturgemäß Angst vor Prüfungen. Den Auszubildenden der Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau, 3. Lehrjahr, der Berufsbildenden Schulen des Landkreises Börde in Haldensleben geht es nicht anders. Sie bereiten sich auf ihre Berufsabschlussprüfung im Sommer vor. Doch zu ihrem allgemeinen Prüfungsstress kommt eine weitere Sorge hinzu: der häufige Unterrichtsausfall in wichtigen Fächern.

Haldensleben. "In den prüfungsrelevanten Fächern Technik und Bautechnik ist der Unterricht sehr oft ausgefallen", beklagt Daniel Lieske. Der 19-Jährige spricht im Namen seiner 14 Mitschüler. Die Klasse hatte sich in einem Schreiben an die Volksstimme gewandt, das nach Auskunft von Lieske der Schulleitung bekannt ist und auch an das Kultusministerium Sachsen-Anhalt gegangen ist.

"Nachdem wir schon im ersten Lehrjahr mit dem Stoff weit zurücklagen, fiel der Unterricht in den beiden Fächern während des zweiten Lehrjahres und im zweiten Halbjahr unseres letzten Ausbildungsjahres durch Krankheit eines Lehrers bedingt, komplett aus", berichtet Daniel Lieske.

"Das sei ja schließlich unser Problem"

Sein Mitschüler Matthias Beißheim bestätigt dies in einem Gespräch mit der Volksstimme und fügt hinzu: "Auf unsere Anfragen und Forderungen bezüglich einer Vertretung durch eine andere Fachkraft wurde uns weder eine vernünftige Auskunft erteilt noch ein anderer Lehrer eingesetzt." Ihnen, so Beißheim, sei lediglich mitgeteilt worden, dass sie sich den fehlenden Unterrichtsstoff ja auch selbst erarbeiten könnten, schließlich sei das ja ihr Problem.

So seien die fehlenden Stunden nach Auskunft von Lieske und Beißheim mit dem Fach Sport aufgefüllt worden, um die erforderliche Stundenzahl pro Woche zu erreichen.

Doch damit geben sich die Auszubildenden nicht zufrieden. "Natürlich wissen wir, dass wir die Pflicht haben, regelmäßig und engagiert am Unterricht teilzunehmen, dass wir aber auch das Recht haben, fachgerecht, nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch ausgebildet zu werden. Nur dadurch können wir einen guten Abschluss erreichen und im späteren Berufsleben erfolgreich sein. Da nutzen uns Seilhüpfen und Volleyball in der Sportstunde gar nichts", sagt Daniel Lieske.

Die beiden Berufsschüler versichern, dass sie mit dem praktischen Teil der Ausbildung in den Lehrbetrieben überwiegend zufrieden sind. Mit dem Beginn des dritten Ausbildungsjahres habe sich auch die theoretische Ausbildung an der Schule etwas verbessert. "Zumindest im Fach Bautechnik hat ein Lehrer der Schule aus einem anderem Berufszweig versucht, uns den fehlenden Stoff zu vermitteln", sagt Lieske. Beißheim ergänzt jedoch: "In den Bereichen Beton, Vermessung, Mauerbau sowie Platz- und Wegebau haben wir eine Reihe von Stunden absolviert. Wir wissen aber nicht, wie viele Stunden tatsächlich notwendig sind. Und bei Themen wie Teichbau, Sicherungsbauweisen, Fassadenbegrünung und Sportflächenbau hat die Ausbildung lange Zeit komplett gefehlt."

"Firmen übernehmen gern gute Azubis"

Seit Anfang März findet der Technikunterricht wieder statt. "Allerdings nur, weil das Unterrichtsfach Fachrechnen entfällt. Das ist auch bedenklich, weil viele von uns gerade in diesem Fach zum Teil erhebliche Schwierigkeiten haben und wir glauben, dass uns noch nicht alle berufsrelevanten Berechnungsverfahren, wie zum Beispiel Material- und Lohnkostenberechnungen, vermittelt worden sind", sagt Lieske.

Wie sich die fehlenden Kenntnisse in der Theorie auswirken können, haben die angehenden Garten- und Landschaftsbauer aus Haldensleben bereits erlebt. "Bei einem gemeinsamen Lehrgang mit Berufsschülern aus der Berufsschule Aschersleben im Fach Vermessung mussten wir feststellen, dass die Aschersleber wesentlich besser sind als wir", berichtet Beißheim und führt fort: "Unser Beruf ist gefragt. Viele Firmen übernehmen gern Auszubildende in eine Fest- anstellung. Aber sie erwarten neben guten praktischen Kenntnissen natürlich auch gute Abschlusszeugnisse in der Theorie."

Wolfgang Hanke, Schulleiter der Berufsbildenden Schulen Haldensleben, bestätigte auf Anfrage der Volksstimme, dass ihm das Schreiben der Berufsschüler bekannt sei und er auf Anforderung des Kultusministeriums Sachsen-Anhalt eine Stellungnahme abgegeben habe. "Bitte haben Sie aber Verständnis dafür, dass ich keine näheren Auskünfte geben darf. Es handelt sich hier schließlich um eine schul- interne Angelegenheit", sagte Hanke.

Das Kultusministerium bestätigte am Dienstag, dass Hankes Stellungnahme vorliege. Weitere Auskünfte wollte man aber auch hier nicht erteilen. "Wir haben die Anfrage zuständigkeitshalber an das Landesverwaltungsamt in Halle weitergeleitet", informierte Kerstin Klötzing von der Pressestelle des Kultusministeriums am Dienstag die Redaktion.

Ganz anders bezüglich der Frage "öffentlichkeitsrelevant oder schulintern?" reagierte das Landesverwaltungsamt. Deren Pressesprecherin, Denise Vopel, rief gestern Vormittag in der Lokalredaktion an und sagte: "Unmittelbar nach Eingang der Anfrage hat sich der zuständige Referatsleiter mit dem Thema befasst. Er wertet die Beschwerde der Berufsschüler als ,absolut nachvollziehbar‘ und stellt fest, dass wir als Aufsichtsbehörde umgehend handeln und den Unterrichtsablauf der Berufsschüler so garantieren müssen, dass sie ihre Abschlussprüfung mit Erfolg bestehen."

"Ausgefallene Stunden werden nachgeholt"

Denise Vopel teilte mit, dass gestern Gespräche mit der Schulleitung und den Ausbildungsbetrieben erfolgt seien. "Da die Berufsschüler den praktischen Ausbildungsteil so gut wie absolviert haben, wurde übereinstimmend entschieden: Die Zeiten für die praktische Ausbildung werden verkürzt, dafür werden die ausgefallenen Stunden in der Theorie nachgeholt, um die Defizite bis zur Abschlussprüfung auszugleichen. Auch die Berufsschüler sind nach meiner Kenntnis gestern darüber informiert worden", so Denise Vopel.