Vor zwanzig Jahren wurde die Struktur des Wolmirstedter Krankenhauses auf den Kopf gestellt. Ärzte wurden zum 31. Dezember 1990 entlassen, machten am folgenden Tag als niedergelassene Ärzte weiter. Sogar in den selben Räumen, mit dem selben Mobiliar. So erging es auch Barbara Männel, der Gynäkologin. Sie erzählt, wie sich das Nachwendeleben auf ihre Arbeit als Ärztin ausgewirkt hat.

Wolmirstedt. Wie so viele Nachwendebiografien hat sich auch das Leben als Ärztin anders entwickelt. "Schlecht ging es mir allerdings nie", sagt Barabara Männel. "Es fühlt sich eher an, wie eine Mischung aus Früher-war-nicht-alles-schlecht und Jetzt-ist-es-auch-schön."

Die Frauenärztin ist zufrieden mit ihrer Arbeit, damals und jetzt. Wohl, weil es der Traumberuf ist, der einem Albtraum entsprang. "Ich habe meinen Bruder sehr früh verloren", sagt sie, "niemand konnte ihm helfen, die Medizin war noch nicht soweit."

Daraus entstand der Wunsch, Ärztin zu werden, anderen zu helfen. Doch zunächst einmal lernte sie einen Beruf, wurde Weberin. Eine schöne Arbeit, aber nicht das Lebensziel. Das steuerte sie anschließend an, bekam schon vorm Studium das erste Kind. "Meine Eltern haben mir damals sehr geholfen." Nach dem Studium ging die kleine Familie von Thüringen nach Wolmirstedt. Kali wurde aufgebaut. Es gab Arbeit für den jungen Papa. Und Wohnungen. Solche, wo das warme Wasser aus der Wand kam. Das war damals das Größte.

Im Wolmirstedter Krankenhaus gab es Stellen für Gynäkologinnen, Barbara Männel wurde Chefin der Ambulanz. "Die Arbeit einer Frauenärztin war vielfältig und organisiert. Jeder hat alles gemacht", erinnert sich Barbara Männel, "Frauenärzte arbeiteten auf der Station, im Kreißsaal, in der Ambulanz. Sie stellten Schwangerschaften fest, halfen Babys auf die Welt, operierten." Zu Reihenuntersuchungen fuhren die Gynäkologen auf die Dörfer. "Wir waren unterwegs zwischen Rogätz und Wellen, haben in zwei Stunden etwa 30 Patientinnen untersucht." Das klingt nach Fließbandarbeit, aber dieses System hatte große Vorteile. "Wir haben dadurch viel mehr Frauen erreicht."

Weiter ging es schon am Tag nach der Entlassung

Dann kam die Wende Auch Barbara Männel wurde am 31. Dezember 1990 entlassen, machte einen Tag später weiter, mit derselben Arbeit, in den alten Räumen. Die Möbel kaufte sie dem Krankenhaus ab. Die anderen Ärzte ließen sich ebenfalls nieder, und die Unsicherheit war zunächst einmal groß. Auch darüber, wie sich das mit der Kollegialität nun entwickelt. "Wir Wolmirstedter Ärzte halten nach wie vor zusammen, fahren auch gemeinsam zu Weiterbildungen", sagt Barbara Männel, "das Miteinander läuft immer noch gut, ganz im Sinne der Patienten." Die Arbeitsbereiche haben sich entflochten. Geburten finden in der Praxis nicht statt, operiert wird nicht mehr. Und noch etwas ist anders: "Im Krankenhaus gab es ein Ärzteteam, alles wurde besprochen. Jetzt trage ich die Verantwortung für mein Tun allein." Barbara Männel bedauert, dass es keine Reihenuntersuchungen mehr gibt. Für Ältere ist der Weg vom Dorf nach Wolmirstedt in die Praxis oft sehr beschwerlich. Das hat seinen Preis, denn manchmal muss die Ärztin sagen: "Wären Sie mal zwei Jahre früher gekommen." Andererseits wird sie von vielen Frauen als "Hausarzt" gesehen. Sie hört oft: "Ich habe Beschwerden und wollte erstmal zu Ihnen kommen." Schließlich kennt sie die Frauen, das geht oft über mehrere Generationen einer Familie, von der Urgroßmutter bis zur Urenkelin.

Die Praxis in den Räumen des Krankenhauses hat sie übrigens nach zwei Jahren aufgegeben. Wenn schon selbstständig, dann richtig. Längst hatte die Familie, zu der sich inzwischen Zwillinge gesellt hatten, die Wohnung gegen ein Haus eingetauscht.

An den Umgang mit Computern gewöhnen

"Dieses Haus haben wir innen umgeschubst", sagt sie, "alle Wände, die wir 1983 raus genommen haben, wurden 1993 wieder aufgebaut." So entstand in der unteren Etage die Praxis. In hellgrau und mit viel Rot. "Rot macht gute Laune", sagt Barbara Männel.

Gute Laune versprühen auch die drei Arzthelferinnen, die gefühlt immer schon da waren. Am Anfang kämpften sie mit der Technik, das Computerzeitalter hatte gerade begonnen. Dann fuchste sich der Ehemann ein, er führt bis heute die Bücher. "Ich kann mich immer noch auf meinen Beruf, die Patientinnen, konzentrieren", ist die Gynäkologin froh. Zwischendurch reist sie leidenschaftlich gerne. Wie lange sie noch arbeiten möchte, weiß die 65-Jährige noch nicht genau. "So lange, bis ich eine Nachfolgerin finde."