Auch 2011 – 22 Jahre nach dem Ende der DDR – ist das Interesse an der Aufarbeitung der Vergangenheit in Wolmirstedt weiter ungebrochen groß. Das belegt allein die Tatsache, dass zum Beratungstag des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen am gestrigen Dienstag knapp über 100 Bürger in die Farsleber Straße 19 kamen. Volksstimme-Redakteur Karl-Heinz Klappoth hat mit dem Mitarbeiter Dr. Wolfgang Laßleben über die Motive zur Einsicht in die Stasi-Akten und die rechtlichen Fragen der Beantragung gesprochen.

Volksstimme: Herr Dr. Laßleben, vor zwei Jahren waren Sie bereits in Wolmirstedt. Warum jetzt erneut der Termin?

Dr. Wolfgang Laßleben: Weil der Bedarf noch weiter besteht. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Und dem wird man auch von Seiten des Gesetzgebers verstärkt gerecht.

Das heißt, im Dezember 2010 trat das vierte Gesetz zur Verbesserung der rehabilitierungsrechtlichen Vorschriften für Opfer der politischen Verfolgung in der ehemaligen DDR in Kraft. Damit wurden die Fristen um weitere acht Jahre bis zum 31. Dezember 2019 verlängert. Für uns heißt dies, wir werden spätestens 2013 wieder nach Wolmirstedt kommen.

Volksstimme: Doch auch heute war der Andrang wieder gewaltig.

Dr. Laßleben: Das ist erstaunlich, zeigt uns ausdrücklich, dass der Bedarf weiter besteht. Um 9 Uhr begann die Beratung. Aber schon lange vorher standen die ersten Bürger vor der Tür. Vor zwei Jahren war der Andrang noch größer, da kamen bis 17 Uhr 170 Bürger.

Volksstimme: Wie erklären Sie sich solch einen Ansturm 22 Jahre nach der Wende?

Dr. Laßleben: Von vielen Bürgern höre ich auch heute als Grund, dass sie erst jetzt den nötigen zeitlichen Abstand haben, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Das ist nicht der einzige Grund. Oft kommen Bürger, die erst jetzt aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, vorher wenig Zeit und keine Nerven dafür hatten.

Volksstimme: Was ist der häufigste Grund, warum Bürger zu Ihnen kommen?

Dr. Laßleben: Eine gewisse Unsicherheit. Auch noch nach über zwei Jahrzehnten wollen Menschen nämlich wissen, ob die Stasi über sie eine Akte geführt hatte.

Seit dem 15. März sind wir in Sachsen-Anhalt unterwegs, und die häufigste Frage, die uns gestellt wird, lautet: Wurde ich durch den Staatssicherheitsdienst bespitzelt? Und wenn es der Fall war, durch wen?

Volksstimme: Wie würden Sie selbst Ihren Tätigkeitsbereich beschreiben?

Dr. Laßleben: Als Landesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt, mit Sitz in der Klewitzstraße 4 in Magdeburg, beraten meine Mitarbeiter und ich die Betroffenen oder zeigen ihnen Wege für eine Rehabilitierung auf. Sie können sich, wie in Wolmirstedt, damit den Weg nach Magdeburg sparen. Wir fahren pro Jahr etwa 40 Orte in Sachsen-Anhalt an. Im vergangenen Jahr waren wir beispielsweise auch in Rogätz und konnten vor Ort 44 Bürgern helfen.

Volksstimme: Was ist für einen Antrag auf Akteneinsicht notwendig?

Dr. Laßleben: Grundsätzlich der Personalausweis. Bei Anträgen zu verstorbenen nahen Angehörigen müssen Kopien der Unterlagen vorliegen, die das Verwandschaftsverhältnis zu dieser Person nachweisen. Allgemeines Interesse als Zweck reicht nicht.

Volksstimme: Wie lange dauert es, bis der Antragsteller eine Nachricht bekommt?

Dr. Laßleben: Bei Personenrecherchen in den verschiedenen Stasi-Karteien im Zentralarchiv oder in den Außenstellen dauert die ganze Sache rund vier bis sechs Monate.