Birgit Hagemann, Leiterin des Erholungszentrums Jersleber See, freut sich in dieser Saison über einen starken Zustrom an neuen Dauercampern. Doch was des einen Freud, bedeutet für andere Leid. Denn die Umzügler kommen aus Wolmirsleben, wo das Hochwasser vom Schachtsee die ersten Reihen des Campingplatzes überflutete.

Jersleben. In seinem Urlaub hat Jörg Töpfer ordentlich geschuftet. Der Wohnwagen ist hergerichtet, im Vorzelt stehen das Wohnzimmer mit Couchgarnitur und die Küche. Draußen laden Campingtisch und die Stühle inklusive Sitzauflagen dazu ein, es sich in der Sonne bequem zu machen. Überhaupt ist es in dem zweiten Zuhause des Harzers schon wieder so gemütlich, wie es bis vor einem halben Jahr einmal war. Damals noch in Wolmirsleben. Mittlerweile steht das vierrädrige Zuhause der Familie in der Nähe von Wolmirstedt, am Jersleber See.

Der Umzug fiel den Dauercampern schwer, musste aber sein. Denn Anfang dieses Jahres stieg das Wasser des Wolmirsleber Schachtsees in bisher ungekannte Höhen. Und überflutete die ersten Reihen des angrenzenden Campingplatzes. Auf dem wohnte die Familie Töpfer seit 1995 immer dann, wenn es ihre Zeit zuließ. Eben so, wie es der Begriff "Dauercamper" schon vermuten lässt.

"Klar, wir hatten am Schachtsee schon mal kleinere Hochwasser, zum Beispiel 2002. Aber so schlimm wie diesmal war es vorher nie", erinnert sich der Halberstädter. Er hatte für seine Familie – Ehefrau Franka und Sohn Robert – für rund 1000 Euro einen Ganzjahresplatz angemietet. Zu den festen Traditionen gehörten nicht nur das Grillen im Sommer, gemeinsames Angeln und das Räuchern der Fische, sondern auch die gesellige Silvesterfeier mit den Campingfreunden. Als man im vergangenen Winter nach dem Rechten schaute, sei schon aufgefallen, dass das Wasser steigt. Mitte Januar wurde es dann besonders schlimm. Camper alarmierten die Feuerwehr, auch die Verwaltung wurde eingeschaltet und auf die Si-tuation vor Ort aufmerksam gemacht.

Um sich an diese Zeit zu erinnern, braucht Jörg Töpfer keine Fotos. Obwohl er von denen zahlreiche gemacht hat. Die Betroffenen glauben nicht daran, dass nur der gestiegene Grundwasserspiegel schuld an der Misere war. In den See mündet ein Graben, der sich durch die starken Regenfälle zu einem reißenden Bach entwickelt habe. "Die Melioration wurde vernachlässigt", bilanziert Töpfer.

In Reihe fünf, wo sein Platz war, hatten sich vor acht Jahren auch Birgit und Hartmut Hofmann niedergelassen. "Das Wasser kam schnell. Als man uns aufforderte, die Wohnwagen zu räumen, ging das schon gar nicht mehr, weil der Weg überschwemmt war", erinnert sich Hofmann, der unter der Woche in Schwanebeck nahe Halberstadt lebt.

Den 74 betroffenen Campern, deren Hab und Gut teilweise gänzlich unter Wasser stand, wurde die Kündigung ausgesprochen. Bis Ende März sollten sie ihre Plätze räumen. "Dabei hatten wir das Geld fürs ganze Jahr schon bezahlt", schildert Hartmut Hofmann seine prekäre Situation von vor zwei Monaten.

Nun haben die Hochwasseropfer natürlich Angst, diese Summe nicht wiederzubekommen. Denn ihren Aussagen zufolge seien die Bedingungen vor Ort chaotisch gewesen. Es gab Bürgerversammlungen, offene Briefe an die zuständigen Ämter und Bürgermeister; der Camping-Rat löste sich auf, wurde dann aber doch neu gegründet… Auch Plünderungen hätte es gegeben. "Da wurden zum Beispiel Anhängerkupplungen geklaut und einmal ein Angelboot über den See gezogen und gestohlen", beschreibt Hofmann, was auch zu den Folgen des Hochwassers gehörte.

Die Anwohner des Schachtsees fühlten sich im Stich gelassen. "Wir wurden von den Verantwortlichen von oben herab behandelt, man merkte, dass es da kein Interesse für uns gab", klagt Jörg Töpfer und ergänzt: "Am Ende wurde entschieden, den Campingplatz für dieses Jahr zu schließen. Deswegen wurden auch keine neuen Verträge geschlossen." Laut Aussage des zuständigen Verbandsgemeindebürgermeisters für die Egelner Mulde, Michael Stöhr, sei die Schließung des Platzes nicht endgültig. Sicher sei aber, dass man die Flächen direkt am Wasser künftig nicht mehr an Camper vermieten wolle, so Stöhr schon Ende Februar gegenüber der Staßfurter Volksstimme. Dazu kommt, dass die Verbandsgemeinde darüber nachdenkt, sich aus der Trägerschaft des Sees zurückzuziehen und dafür einen neuen Kandidaten zu finden.

Den Familien Töpfer und Hofmann ist das mittlerweile egal. Sie haben am Jersleber See mehr als nur ein Ausweichquartier gefunden. Nachdem ein Verbleib am Schachtsee unmöglich schien, informierte sich Jörg Töpfer über alternative Seen und Campingplätze. Mit dem Auto fuhrt er zwölf davon an, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Eine Sache war dabei für ihn und seine Familie klar: "Ohne Wasser geht es nicht!"

Der Campingplatz am Jersleber See war der letzte auf seiner Liste. Und die Besichtigung hat Töpfer nachhaltig beeindruckt. "Ich wusste, das hier ist es, das ist genau das, was wir haben wollen!" Davon erzählte er auch den Nachbarn am Schachtsee. Familie Hofmann musste er nicht lange überzeugen – sie zogen mit um. Der Abschied von Wolmirsleben sei dennoch tränenreich gewesen. "Man hat sich in all den Jahren sehr gut verstanden, hat Darts- und Angelfreunde gefunden, oft Enkel im gleichen Alter, die miteinander gespielt haben", sagt Birgit Hofmann wehmütig.

Nachdem sie ihr Hab und Gut, das noch nicht vom Wasser zerstört war, an den Jersleber See gebracht hatten, fingen die Ehepaare, die jetzt direkte Nachbar sind, mit dem Aufbau an. Die Ostertage konnten sie schon in ihrem zweiten Zuhause am neuen Standort verbringen. Und dort wurden sie herzlich aufgenommen. Hatten die anderen Camper doch die Geschichten vom Schachtsee gehört und waren neugierig auf Schilderungen aus erster Hand.

Wie Birgit Hagemann, Leiterin des Erholungszentrums Jersleber See, erklärt, seien es nicht nur die Familien Hofmann und Töpfer, die vom Schachtsee auf ihr Gelände gezogen seien. "Es haben sich 15 Dauercamper angesagt", erklärt sie gegenüber der Volksstimme. Freie Flächen für die Umsiedler waren genug vorhanden. "Und Zähler haben wir schnell nachgerüstet."

So sehr sich die Betriebsleiterin auch über die lobenden Worte und die neuen Dauergäste für ihr Erholungszentrum freut, so sehr fühlt sie doch mit den kurzzeitig Heimatlosen mit. "Wenn man sich mal in die Lage der Camper vom Schachtsee versetzt, dann ist das schon eine Katastrophe." Des einen Freud ist eben oft auch des anderen Leid.

Hofmanns und Töpfers sind sich sicher, dass sie am Jersleber See bleiben werden. Dort sind sie nah, aber nicht zu nah am Wasser, schon nach kurzer Zeit heimisch geworden. Als echte Dauercamper haben sie natürlich schon Anfang April die Wassertemperatur des Sees mit eigenem Körpereinsatz getestet. Mit den neuen Nachbarn um sie herum verstünde man sich sehr gut.

Und die Dekorationsmaßnahmen für das neue Zuhause laufen. "Wir nennen ihn den Botaniker", spielt Hartmut Hofmann lachend darauf an, dass Jörg Töpfer mit Erde, Blumen und Steinen sogar die Einfriedung der Wohnwagen heimelig gestaltet.

Nur eines wünschen sich die Dauercamper: "Dass die Saison das ganze Jahr dauert oder wenigstens eher beginnt als am 15. April!" Denn am Jersleber See fühlen sie sich so wohl, da wäre es doch schön, Traditionen wie das Silvestergrillen wieder aufleben zu lassen.