Schichtarbeit, Pendeln, Saisonarbeiten und das länger als beim klassischen Acht-Stunden-Tag – das ist der Alltag vieler Familien, auch in der Börde. Eltern setzen deshalb gern auf Tagesmütter als Alternative zur Kita für die Betreuung ihrer Kinder, um diesen Ansprüchen ihrer Arbeitgeber gerecht zu werden. Im Landkreis Börde gibt es zwölf Tagesmütter. Wer einen Platz bei ihnen haben möchte, muss sich hinten anstellen und damit rechnen, dass mehr als der Elternbeitrag zu zahlen ist.

Landkreis Börde. Bei Ingeborg Schwotzer klingelt es täglich um kurz nach sieben an der Tür. Dann bringen Muttis oder Vatis ihre Kleinen in Tante Inge‘s Kinderstube, wie die Wahl-Oschersleberin ihren Tagesmutter-Betrieb in der Bodestadt nennt. Frühstück steht auf dem Programm, bevor Sandra, Jasmin, Pia und Judy sich im großen Spielzimmer austoben. Gerade werden Bauklötze rausgekramt, und die kleine Sandra schaut fragend zu Ingeborg, ob sie die Holzstücke in die passenden Formen sortiert hat. "Prima", antwortet die Tagesmutter. Ingeborg Schwotzer findet, dass es bei ihr familiärer zugeht als in einer Kindertages- stätte. "Ich kann auf jedes Kind viel individueller eingehen", weiß die 53-Jährige aus inzwischen fünf Jahren Erfahrung zu berichten.

Dabei ist es häufig ein kleiner Luxus für Eltern, sich eine Tagesmutter zu leisten. Das Jugendamt fördert die Plätze nämlich nicht in jedem Fall. In der Regel gilt: Erst wenn die Plätze in den gemeindeeigenen Kindertageseinrichtungen voll sind, wird die Betreuung im Ort durch Tagesmütter abgesichert – und mitfinanziert. Das ist die gängige Praxis nach dem Kinderförderungsgesetz.

Dass das manchen Müttern Steine in den Weg legt, musste die Colbitzerin Nancy Niemann erfahren. Die 30-Jährige studiert Jura in Halle. Ihr zweites Kind, im vergangenen Sommer geboren, wollte sie von Januar an bei einer Tagesmutter unterbringen. Dieser Weg schien für sie ideal. "Manchmal muss ich bereits um 5.30 Uhr das Haus verlassen, ein anderes Mal erst um 12 Uhr. Der Vater des Kindes verlässt das Haus um 6.30 Uhr", schildert Nancy Niemann die Situation.

Zusammenarbeit mit Gemeinden verschieden

Mit den geregelten Betreuungszeiten in einer Kindertagesstätte schien das nicht vereinbar. Auch überzeugte sie das familiäre Klima bei einer Tagesmutter. "Noch in der Schwangerschaft und mit dem guten Gefühl durch eine Studie, dass Tagespflege besonders für Säuglinge und Babys geeignet ist, habe ich Kontakt mit unserer Tagesmutter im Ort aufgenommen." Eine lange Warteliste und Monate später hatte sie den Platz sicher, die Finanzierung aber nicht. Das wurde ihr erst bei den Formalitäten klar. Die Verwaltung wollte nicht zahlen, da die Colbitzer Kindertagesstätte genügend Plätze biete. Für Nancy Niemann ein Schock. Ihr Studium kann sie nun nur tageweise verfolgen.

Es gibt Städte und Gemeinden, wo die Förderpraxis etwas anders aussieht. In der Einheitsgemeinde Hohe Börde besteht zum Beispiel eine rege Zusammenarbeit mit den drei ansässigen Tagesmüttern in Groß Santersleben, Hermsdorf und Hohenwarsleben. "Pro Monat betreuen wir 1200 Kinder in zwölf kommunalen Einrichtungen, in sechs Horten und vier Einrichtungen in freier Trägerschaft. Wir hatten Jahre, da hatten wir keine Platzkapazitäten", berichtet Katja Salomon, die zuständige Mitarbeiterin in der Verwaltung der Hohen Börde. Nur durch die Tagesmütter habe man überhaupt den Rechtsanspruch auf Betreuung erfüllen können. "Da waren wir glücklich, dass wir die Tagesmütter hatten und haben die Kosten gern übernommen." Wohl auch deshalb hat die Gemeinde ab und an ein Auge zugedrückt und für Eltern auch dann die Tagesmutter gefördert, "wenn es bei manchen Fällen nötig war, zum Beispiel bei Arbeitszeiten bis 20 Uhr".

In der Gemeinde Barleben wird ähnlich vorgegangen. Ein Wunsch- und Wahlrecht zwischen Kindertagesstätte und Tagesmutter in dem Sinne gibt es für die Eltern aber nicht.

Entdecken Eltern angesichts von Schichtarbeit, Überstunden und Pendelei nach Niedersachsen Tagesmütter als Alternative zur Kindertagesstätte, bietet das Gesetz demnach wenig Spielraum für die Gemeinde, ihnen dabei unter die Arme zu greifen. Zumindest heißt es vom Sozialministerium auf Anfrage: "Bei der Finanzierung sind die Kinderzahlen, die Personalkostenentwicklung und der Umfang der Tagesbetreuung zu berücksichtigen." Die genaue Bedarfsermittlung liege schließlich in der Hand des Jugendamtes im Landkreis. So kommt es, dass die Hohe Börde Tagesmütter eher fördert als etwa Colbitz. Jede Gemeinde sucht seinen eigenen Weg bei der Zusammenarbeit – im Rahmen des Gesetzes mal etwas mehr, mal weniger großzügig bei der Finanzierung.

Betreuung auch nachts oder am Wochenende

So müssen sich die "Mamas auf Zeit" in der Regel als selbständige Ein-Frau-Unternehmen durchschlagen. Dabei könnten sie von ihren Monatssätzen keine großen Sprünge machen, so sagen sie im Gespräch mit der Volksstimme. Conny Glotz aus Colbitz ist seit acht Jahren selbständig; zuvor war die 38-Jährige als Tagesmutter bei einer Familie. Wenn Eltern es wünschen, betreut sie auch nachts oder am Wochenende. Sie bedauert, dass sie nicht gleichberechtigt zu Kindertageseinrichtungen behandelt wird. "Es kommen viele Eltern und fragen, ob sie gefördert werden. Ich schicke sie zum Jugendamt, in der Hoffnung, dass der Bedarf dort erkannt wird."

Ob schwieriger oder leichter mit der finanziellen Förderung, für Conny Glotz und Ingeborg Schwotzer ist Tagesmutter ein Traumberuf – beide haben schon ihr Leben lang mit Kindern gearbeitet. Das glaubt man, wenn Ingeborg Schwotzer mit warmen Worten beschreibt, wie die Kinder ihr ans Herz gewachsen sind und andersherum: "Die Kinder kommen morgens freudestrahlend und rufen ¿Inge‘, und abends gehen sie mit Tschüß und Küsschen. Ich glaube, das ist der schönste Lohn."

 

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