Die Werkstatt des Bodelschwingh-Hauses verteilt sich auf verschiedene Standorte im Stadtgebiet. Gestern wurde in der Glindenberger Straße zum Tag der offenen Tür geladen. Dorthin war man umgezogen, weil immer mehr Menschen mit – vor allem psychischer – Behinderung in dem Unternehmen Beschäftigung finden und die vorhandenen Räume nicht mehr ausreichten. Von Claudia Labude

Wolmirstedt. " Wir sind aus allen Nähten geplatzt, haben immer mehr Beschäftigte bekommen ", erinnert sich Stephan Keindorff an das vergangene Jahr. " Während körperliche Behinderungen aufgrund von Früherkennung in der Schwangerschaft zurückgehen, gibt es im Bereich der psychischen Behinderungen eine rasante Zunahme ", erzählt der Produktionsleiter der Werkstatt für Behinderte des Bodelschwingh-Hauses.

Da der Platz im Handwerkerring und in der Angerstraße nicht mehr ausreichte, zog man in die Glindenberger Straße, nutzte die Räumlichkeiten der Firmen Thiel und Krüger. 30 behinderte Beschäftigte, alle im Alter zwischen 20 und 70, und vier Mitarbeiter gehen dort in zwei Arbeitsbereichen einer geregelten Beschäftigung nach, produzieren Lattenroste sowie Zubehör für Windgeneratoren. Gestern nutzten mehr als 40 Interessierte die Möglichkeit, sich beim Tag der offenen Tür vor Ort umzuschauen.

" Man denkt oft, dass Behinderte nur Türen kleben. Aber hier bei uns gibt es von einfachsten Arbeiten bis hin zu verantwortungsvollen Tätigkeiten jede Menge Beschäftigungsmöglichkeiten " so der Produktionsleiter, der gelernter Fernsehmechaniker ist und vor sechs Jahren als Gruppenleiter im Bodelschwingh-Haus anfing.

Um 8 Uhr ist Arbeitsbeginn. Wenn die Beschäftigten in der Werkstatt ankommen, sind zwei Lagerarbeiter schon eine Weile am Arbeiten. " Die beiden sind aus dem Programm 50 plus, kümmern sich darum, die für die Firma Enercon eingelagerten Schaltschränke je nach Bedarf auszuliefern ", erklärt Keindorff bei einem Rundgang durch die Lagerhalle. Acht Stunden sind die Behinderten täglich vor Ort – davon wird sechs Stunden gearbeitet. Zwei Stunden sind Pausen, die über den Tag verteilt werden. Um ein angenehmes Umfeld zu schaffen, wurden am neuen Werkstatt-Standort auch eine Küche sowie ein Kantinenraum hergerichtet.

Für die Beschäftigten sei eben alles so, wie an einer normalen Arbeitsstätte. " Für Starke Arbeit zu finden, ist leicht ", weiß der Produktionsleiter aus Erfahrung. In der modernen Leistungsgesellschaft sei es aber schwer, für Behinderte Beschäftigung zu finden. Im Bodelschwingh-Haus werden Beschäftigung und Betreuung vereint. " Wenn man unsere ganzen Standorte zusammennimmt, sind wir sicher der größte Arbeitgeber der Stadt. "

Auch die Auftragslage sei gut, viele große Firmen wüssten, dass man sich auf die Arbeitsergebnisse der Werkstatt verlassen kann. " Aber auch für uns gilt die Fehlerquote Null ", erklärt Keindorff. Deshalb lege er großen Wert auf die Endkontrolle, die von nichtbehinderten Mitarbeitern und natürlich auch durch ihn selbst vorgenommen wird.

" Bei uns gibt es kein Mobbing und keinen

Leistungsdruck "

Auch die Ausbildung ist in der Werkstatt ein Thema. Behinderte Jugendliche durchlaufen zwei Jahre lang den sogenannten Berufsbildungsbereich, können sich an verschiedenen Stellen der Werkstatt ausprobieren. " Wenn wir sehen, wo jemand geeignet ist und an welcher Arbeit er Spaß hat, dann teilen wir ihn dafür ein " beschreibt der Produktionsleiter den Ausbildungsprozess. Für Menschen mit psychischer Erkrankung gebe es ein spezielles Eingliederungsprogramm.

" Bei uns gibt es keinen Leistungsdruck und kein Mobbing, deswegen kommen die Mitarbeiter gerne her. " Bestes Beispiel dafür sei ein 70-jähriger Mann aus Barleben, der alleine lebt und noch nicht in Rente gehen wollte. Mit Erlaubnis der zuständigen Behörden kann er nun weiter seiner Beschäftigung nachgehen. " Hier hat er sein soziales Umfeld, wo er sich aufgehoben fühlt. Das ist für uns die schönste Bestätigung ", freut sich Stephan Keindorff, der auch die große Zahl an Besuchern zum Tag der offenen Tür als Wertschätzung der Arbeit in der Behinderteinrichtung wertet.