Wolmirstedt. Kaum zu glauben, aber die Veranstaltungsreihe " Lesetee " erlebte schon ihre 50. Auflage. Was im Jahre 2004 mit verhaltener Hoffnung auf ein paar Veranstaltungen begann, hat sich längst zu einer festen Größe im Leseleben der Stadt entwickelt.

Dabei setzen die Bibliothekarinnen nicht auf spektakuläre Leseaktionen oder sogenannte " Leuchtturmprojekte ", sondern markieren kontinuierlich und behutsam Glanzpunkte im überbordenden

Bücherdschungel von Neuerscheinungen und Klassikern. Langweilig wird es dennoch oder gerade deshalb nicht, längst hat sich ein Stammpublikum etabliert, eine feste Zuhörergröße, von der andere Bibliotheken nur träumen. Beim monatlichen Lesetee stehen mal Krimis im Mittelpunkt, mal Gartengeschichten, mal stellen Leser ihre Lieblingsbücher vor, manchmal kommen Autoren. Und ganz oft lesen die Bibliothekarinnen selbst aus den Neuerwerbungen der Bibliothek, in die sie sich selbst verliebt haben.

So war es auch am Donnerstag beim 50. Lesetee. Bastienne Schröter und Dagmar Müller hatten sich das neueste Buch von Elke Heidenreich und Bernd Schröder vorgenommen. " Alte Liebe " heißt es, und dieses Buch passte zum 50. Lesetee wie eine Geburtstagstorte. Elke Heidenreich und Bernd Schroeder erzählen von einem Paar, dessen Ehe längst in Jahre gekommen ist, beide sind Alt-68 iger, längst bei Mercedes und Golf angekommen. Harry und Lore heißen die beiden und Elke Heidenreich hat die Kapitel der Lore geschrieben, Bernd Schroeder die Kapitel des Harry. Dass beide Autoren selbst viele Jahre ein Paar waren, auf dem Papier noch immer miteinander verheiratet sind, macht das Buch noch reizvoller.

Was aber hat das mit dem Lesetee zu tun ? Nun, Lore arbeitet in einer Bibliothek, glaubt fest, sie schmeißt den Laden und kann unmöglich in den Ruhestand gehen. Und so zieht sie schamlos über ihre Kolleginnen her, über den nachlassenden Glanz von Autorenlesungen und das Publikum, dass diesen Glanz immer wieder sucht, zum Beispiel bei Martin Walser. Bastienne Schröter las den Lore-Part und die Lacher im rappelvollen Zuschauerraum galten garantiert nicht nur dem Text, sondern auch der Frage : Denken so auch die Wolmirstedter Bibliothekarinnen ? Dagmar Müller saß neben Lore-Bastienne Schröter, hatte sich eine Gartenschürze umgebunden und nahm ab und zu einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche. Das passt im richtigen Leben kein bisschen zu ihr, aber um so mehr zu ihrer Rolle des Harry, dem Gatten von Lore, der sich längst im Ruhestand eingerichtet hat und seine Stauden bevatert.

" Alte Liebe " war mehr als eine Lesung, es war zur Schau gestelltes Leben, und dazu hatte zum wiederholten Mal Igor Sinitsyn mit seinem Akkordeon die passende Musik gefunden. Somit war auch der 50. Lesetee einer, der interessant war wie die 49 Veranstaltungen zuvor, ebenso unter die Haut ging. Und das Einzige, was auf das Jubläum hinwies war der Sekt, der den Gästen angeboten wurde.