Wolmirstedt. Das Leben, das für Ostdeutsche jenseits der Midlife-Crisis lange Realität war, gehört für die heutige Schülergeneration bereits zum Geschichtsunterricht.

Die Existenz zweier deutscher Staaten, das Gebahren der Staatssicherheit, überhaupt die Ideologie der DDR, waren am Montag Thema in den elften Klassen des Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasiums. Und sie näherten sich den DDR-typischen Auswüchsen der " Kontrollitis " mit Hilfe der Literatur.

Der Schriftsteller Lutz Rathenow war zu Gast. Er gilt als Zeitzeuge, leitete als Jenaer Student in den siebziger Jahren einen oppositionellen Arbeitskreis für Literatur, wurde verhaftet. Trotzdem lehnte er Ausreiseangebote ab, blieb in der DDR, lebte und lebt noch heute in Ostberlin.

Mit Rathenow waren Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung gekommen, sowie Birgit Krüger von der Magdeburger Außenstelle der Bundesbehörde für Stasiunterlagen. Rathenow versuchte, die Verwirrungen der DDR anhand von Details zu erzählen, vom Doppelleben mit Westfernsehen und Staatsbürgerkundeunterricht. Er las Episoden aus seinen Büchern, begann zunächst mit einer Kindergeschichte. Zwei Stinktiere streiten sich heftig, welches von ihnen am meisten stinkt. Dieses Geschichte wurde in der DDR nicht gedruckt, abgelehnt für ein Pappbilderbuch. Nicht, weil sich die kleinen Kinder die Zähne daran ausbeißen, sondern ... ? Die Begründung sollten Gymnasiasten selbst herausfi nden.

" Weil im Sozialismus alle gleich sein sollten ", vermutete einer. Ein anderer sah im Streit der Stinktiere den Kampf zwischen BRD und DDR. " Volltreffer ", sagte Rathenow. " Man begründete mir wirklich, dieses Buch würde den Weltfrieden gefährden. "

Dabei bekannte sich Rathenow schon immer zum Weltfrieden, aber irgendwie schienen das die Ideologen der DDR anders zu sehen. Und so ist der Autor noch immer der Frage auf der Spur : " Wie kommt man in die Opposition zur DDR, obwohl es einem nicht wirklich schlecht geht ?" In diesem Sinne hängte Rathenow viele Erzählfäden in den Raum, lauter Anekdoten, die sich verfl echten, vielleicht zu einer ganzen, alles entscheidenden Antwort.

Die wissbegierigen Gymnasiasten interessierten sich vor allem auch für den privaten Lutz Rathenow, fragten gezielt nach der persönlichen Motivation zum Schreiben, dem Drang, alles zu hinterfragen. Und da sagt er ganz selbstironisch : " Persönlichkeitsstörung und Kreativität gehen oft Hand in Hand ", um dann ernster anzufügen, " Worte und Politik waren schon immer meine Leidenschaft. " Anderthalb Stunden lang brachte er den Schülern die Welt ihrer Eltern und Großeltern ein Stück näher.