Nachdem bereits Mitte April jüdische Holocaust-Überlebende Farsleben besuchten, kam gestern ein weiterer, ehemaliger KZ-Häftling in die Gemeinde, um sich den Ort seiner Befreiung anzuschauen. Begleitet wurde Fred Spiegel von Vertretern der Gedenkstätte Bergen-Belsen und einer Gruppe von amerikanischen Studenten, die auf Einladung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes an einem Workshop zum Thema "Rechtsextremismus" teilnahmen. Gemeinsam mit dem Zeitzeugen besuchten sie die Orte seiner verlorenen Kindheit.

Farsleben. Der Regen prasselt auf seinen schwarzen Schirm. Fred Spiegel blickt auf die Gleise. Sein Gesichtsausdruck verändert sich nicht, da ist keine Bitterkeit in seiner Mimik, wenn er 65 Jahre zurückdenkt. Spiegel gehörte zu den 2400 Juden, die in einem Zug vom Konzentrationslager Bergen-Belsen nach Theresienstadt gebracht werden sollten und in Farsleben gerettet wurden.

Mitte April war bereits eine Delegation mit mehreren jüdischen Überlebenden in Farsleben zu Gast, gedachte am Originalschauplatz dem Moment ihrer Befreiung. Fred Spiegel war im vergangenen Jahr schon mal in der kleinen Gemeinde, damals noch mit seiner Ehefrau. Die ist mittlerweile verstorben. Wenn er daran denkt, überzieht Trauer sein Gesicht.

Die Ereignisse von vor 65 Jahren hat er verarbeitet, sogar ein Buch darüber geschrieben. Zehn Seiten davon widmet er seinen letzten Momenten im KZ, der Zugfahrt und seiner Befreiung. Spiegel wurde am 21. April 1932 in Dinslaken geboren, die Familie hatte deutsche und jüdische Vorfahren. Sein Vater starb früh, die Mutter zog Fred und seine Schwester Edith alleine auf.

Ein paar Tage nach der Progromnacht vom 9. November schickte sie die Kinder zu Verwandten ins holländische Gennep. Von dort wurden die Geschwister im April 1943 nach Vught, einem Konzentrationslager im Süden Hollands, gebracht. Sechs Wochen später kamen beide ins so genannte "Polizeiliche Jugenddurchgangslager Westerbork", wo sie acht Monate bleiben mussten. Im Januar 1944 dann die Deportation ins Konzentrationslager Bergen-Belsen.

"Ich war 16 Monate im Sternlager", erzählt Spiegel in fehlerfreiem Deutsch. In seinem Buch beschreibt er, wie Anfang April 1945 seine Lagergruppe in Richtung Osten evakuiert werden sollte, die Gefangenen mit ihren wenigen Habseligkeiten zum Bahnhof laufen mussten und dort in den Zug nach Theresienstadt stiegen. 200 Wärter seien mit an Bord gewesen. "Aber man hat sie nicht gesehen, da die Türen der einzelnen Waggons nicht geöffnet wurden."

Sechs Tage waren sie unterwegs. "Der Zug hielt mehrmals, wir wurden auch bombardiert", erinnert sich der mittlerweile 78-Jährige. Die Bomben verfehlten den Zug, waren aber für die 2400 Insassen nicht die einzige Gefahr. Viele litten an Typhus. An jenem Freitag, dem 13, hielt der Zug in Farsleben. "Damals hieß es, dass amerikanische Truppen in der Nähe seien und der Lokführer das überprüfen wollte. Die Wachmänner sagten dann, dass sie gehen würden, wenn der nicht bis 11 Uhr zurückkommt. Und so war es dann", holt Fred Spiegel seine Erinnerungen zurück.

Eine Woche vor seinem 13. Geburtstag wurde er befreit, genau wie die anderen Insassen des Zuges. Spiegel kam nach Hillersleben. "Nach einigen Wochen wurden wir auf offenen Güterwaggons nach Holland gebracht. Ich war dann noch zwei Wochen in Maastricht in der Klinik, weil ich auch schwer an Typhus erkrankt war", berichtet er.

Von Holland aus ging Spiegel zusammen mit Schwester Edith nach England, wo ihre Mutter lebte, die sie sechs Jahre nicht gesehen hatten. Für den jungen Mann führte seine Lebensreise weiter nach Israel, Chile und später, 1963, nach Amerika. In New Jersey arbeitete er als Verkäufer für eine israelische Fluglinie, 1969 heiratete er seine Frau Yael aus Israel. Drei Kinder komplettierten die Familie.

"Alle fragen, wie so etwas passieren konnte. Eine Antwort – wenn es darauf überhaupt nur eine gibt – habe ich aber auch nicht"

Seit 1998, dem Jahr seines Ruhestandes, reist er durch das Land und erzählt an Schulen und Colleges von seiner verlorenen Kindheit. So kam auch der Kontakt zum Stockton College in Atlantic City zustande. Eine Gruppe von Studenten und Lehrern dieser Bildungseinrichtung hat Fred Spiegel jetzt begleitet. Von Montag bis gestern war die Gruppe auf Einladung des Paritätischen Jugendwerkes in Sachsen-Anhalt.

Rolf Hanselmann, Bildungsreferent des hiesigen Wohlfahrtsverbandes, war vergangenes Jahr in Stockton, um die politisch-historische Arbeit des Jugendwerkes zum Thema Rechtsextremismus vorzustellen. Der College-Direktor Dr. Michael Haye fragte, ob sich die amerikanischen Studenten diese Arbeit einmal vor Ort ansehen könnten.

So entstand die Idee zum Workshop "Internationaler Rechtsextremismus, aus der Geschichte nichts gelernt?", zu dem die amerikanischen Gäste in dieser Woche in der Jugendbildungsstätte Peseckendorf (Landkreis Börde) weilten. In Gesprächsrunden, einer Ausstellung zu "KZ-Haft und Zwangsarbeit in Magdeburg", Vorträgen und einem historischen Stadtrundgang in Magdeburg wurde den Spuren des Rechtextremismus nachgegangen.

Nicht nur Fred Spiegel findet es wichtig, dass junge Menschen von den verbliebenen Zeitzeugen so viel wie möglich über den Schrecken des Holocaust erfahren. "Wenn ich vor jungen Menschen spreche, stellen alle die gleiche Frage, wollen wissen, wie so etwas passieren konnte. Eine richtige Antwort – wenn es überhaupt nur eine gibt – habe ich auf diese Frage aber auch nicht", so Fred Spiegel.

Ein Zeichen gesetzt hat er mit seinem Besuch aber auf jeden Fall. Ein Zeichen gegen das Vergessen.