Auch 20 Jahre nach dem Ende der DDR ist das Interesse an der Aufarbeitung der Vergangenheit ungebrochen groß. Das belegt allein die Tatsache, dass zum gestrigen Beratungstag des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen 170 Bürger in die Außenstelle des Landratsamtes nach Wolmirstedt kamen. Volksstimme-Redakteur Karl-Heinz Klappoth hat mit Referent Dr. Wolfgang Laßleben über die Motive der Bürger zur Einsicht in die Stasi-Akten und die Beantragung gesprochen.

Volksstimme : Dr. Laßleben, herrscht an ihren Beratungstagen stets so ein Andrang ?

Dr. Wolfgang Laßleben : Zu um 9 Uhr haben wir heute eingeladen, doch bereits gut eine Stunde vorher warteten die ersten Bürger. Mich hat der Zuspruch schon ein wenig überrascht, aber vielleicht liegt es auch an den Feierlichkeiten zum Fall der Mauer vor 20 Jahren. Meine zwei Mitarbeiter und ich hatten zumindest richtig zu tun, dabei machten wir in diesem Jahr bereits in Haldensleben, Hötensleben und Oschersleben Station. Am Dienstag waren wir übrigens in Bitterfeld, da kamen nicht weniger als 171 Bürger.

Volksstimme : Wie erklären Sie sich, dass selbst 20 Jahre nach der Wiedervereinigung die Bürger zu ihnen kommen ?

Laßleben : Weil das Interesse an der Aufarbeitung der persönlichen Vergangenheit noch ungebrochen groß ist. Immer wieder höre ich von Bürgern, dass sie erst einen zeitlichen Abstand zur Vergangenheit brauchten, um nachzufragen. Jetzt sind sie bereit, sich damit auseinanderzusetzen. Bei nicht wenigen ist und war es eine Zeitfrage. Und so kommen viele, die erst aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind.

Volksstimme : Was ist der Bewegunggrund, warum Bürger zu Ihnen kommen ?

Laßleben : Die wohl häufigste Anfrage, die gestellt wird : Hat die Stasi eine Akte über meine Person angelegt ? Oft sind es vage Verdachtsmomente, die die Bürger zu uns führen. Viele aber fragen sich auch : Wurde ich durch den Staatssicherheitsdienst bespitzelt oder nicht ? Weitere Anträge, zum Beispiel zur Entschädigung nach sowjetischer Inhaftierung oder Internierung sind in der Praxis eher selten.

Volksstimme : Wie sehen sie selbst Ihre Tätigkeit ?

Laßleben : Als Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde des Landes, die seit 1994 existiert, berate ich die Betreffenden oder zeige ihnen Wege für eine Rehabilitierung auf.

Sie können sich damit den Weg nach Magdeburg sparen. Wir sind allein in diesem Jahr bis heute in 34 Orten in Sachsen-Anhalt unterwegs gewesen.

Volksstimme : Was benötige ich für einen Antrag auf Akteneinsicht ?

Laßleben : Grundsätzlich, wie in der Einladung formuliert, den Personalausweis. Bei Anträgen zu verstorbenen nahen Angehörigen müssen Kopien der Unterlagen vorliegen, die das Verwandschaftsverhältnis zu dieser Person nachweisen.

Volksstimme : Wie lange dauert es, bis der Antragsteller eine Nachricht auf seine Anfrage bekommt ?

Laßleben : Bei Personenrecherchen in den verschiedenen Stasi-Karteien im Zentralarchiv oder in den verschiedenen Außenstellen muss er rund vier bis sechs Monate warten.

Volksstimme : Was passiert im einzelnen ?

Laßleben : Wenn Unterlagen gefunden werden, dann werden sie für eine Einsicht aufgearbeitet, das heißt entsprechend kopiert und anonymisiert. Unbeteiligte Dritte werden in den Aktenkopien geschwärzt. Nach der Akteneinsicht kann aber beantragt werden, die Decknamen der Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit zu entschlüsseln, um die bürgerlichen Namen herauszufinden.

Volksstimme : Abschließende Frage : Wenn aber nun kein Akten-Antrag gefunden wird …

Laßleben : ... der Antragsteller aber das Gefühl hat, bespitzelt worden zu sein, dann ist nach einer Akteneinsicht ein Wiederholungsantrag durchaus sinnvoll. Die Erschließungsarbeiten des gesamten Materials sind nämlich noch nicht beendet. Das bedeutet, das Archiv wird auch in sich ständig besser erschlossen, können neue Dokumente auftauchen.