Weltweit nutzen Blindenverbände den heutigen " Tag des weißen Stockes ", um auf die Situation blinder und sehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen. Doch wie fühlt es sich an, ohne Augenlicht im Alltag unterwegs zu sein ? Ein Selbstversuch.

Wolmirstedt. Um Punkt neun Uhr beginnt für mich die Nacht. Der Schal, der eigentlich den Hals wärmen soll, verbindet jetzt meine Augen. Das bunte Herbstlaub oder den morgendlichen Sonnenschein kann ich ab sofort nur noch aus meiner Erinnerung abrufen. Ich stehe mitten auf der Schlossdomäne, einem Platz, den ich eigentlich sehr gut kenne. Doch die Orientierung schwindet schnell, wenn man blind ist. Und genau das ist der Sinn dieses Experimentes.

Ganz alleine wage ich mich allerdings nicht in die Stadt, der zeitweise Verzicht auf das Augenlicht ist Herausforderung genug. Als lebendiges Navigationsgerät unterstützt mich Holger Boenigk, der selbst fast komplett erblindet ist. An seiner Hand führt er Siegfried Krüger. Der 67-Jährige erblindete vor acht Jahren nach einem Zeckenbiss. Heute stellt er mir seinen weißen Stock zur Verfügung, das wichtigste Hilfsmittel blinder Menschen, das dem heutigen Tag seinen Namen gab.

Der rote Griff des Teleskopstocks liegt gut in der Hand. " Wedeln " soll man damit, erklärt Krüger. An der Spitze des Stockes befindet sich eine Kugel. Kaum losgelaufen, verhakt diese sich in den Fugen des Kopfsteinpflasters. " Es ist reine Übungssache, nach einer Weile passiert das nicht mehr ", wissen die Männer, die beide zu Beginn ihrer Erkrankung ein Mobilitätstraining absolviert haben, um den Umgang mit dem Stock zu üben.

Meine Finger verkrampfen sich am Griff, werden langsam kalt. " Klack, Klack, Tock " – man hört, wenn sich der Untergrund verändert. Das " Tock " gehört zu einer Metall-Oberfläche. " Ein Gullydeckel ?", rate ich. Boenigk bestätigt, dass ich richtig liege.

Trotzdem bin ich orientierungs- und damit hilflos.

" Wenn der Stock auf ein Hindernis stößt, wird die Hand zum Auge "

Wo ist geradeaus ? Wie weit sind wir schon vorangekommen ? Jeder Meter erscheint endlos. Als der Stock über eine größere metallische Platte rattert, erkenne ich die Bodentafel, die anlässlich der 1000-Jahr-Feier im Durchgang zwischen Boulevard und Domäne eingebracht wurde. Der Puls steigt, naht doch die einzige Straße, die ich während des Tests überqueren will.

Boenigk hat Siegfried Krüger links und mich rechts untergehakt. Zu dritt gehen wir über den Fußgängerüberweg. Kein Halt, keine Zeit zum Nachdenken, keine Panik. Auf mich allein gestellt, hätte ich sicher viel länger gezögert, ob die Autos wirklich halten.

Ich werde mutiger, möchte alleine laufen. Mit seiner angenehmen Stimme gibt Boenigk, der zusammen mit Krüger einmal pro Monat eine Beratungssprechstunde für Blinde und Sehschwache anbietet, einen Tipp. " Den Stock weiter nach rechts, da kommt eine Rinne aus Pflastersteinen, an der man sich orientieren kann, die führt fast schnurgerade und ununterbrochen über den Boulevard. "

Es ist Markttag. Und je näher man der Süßen Ecke kommt, wo die ersten Stände stehen, desto deutlicher hört man die Stimmen der vielen Passanten. Wenn der Stock auf ein Hindernis stößt, wird die Hand zum Auge. " Fassen Sie ruhig mal an ", fordert mich Boenigk auf. Es klang metallisch, als ich mit dem Stock das Hindernis traf. Doch als ich es anfasse, ist es flauschig und warm. Ich zucke zusammen, denke, dass ich versehentlich einen Hund berührt habe. Des Rätsels Lösung : Es ist ein Verkaufsständer mit Handtaschen. Unten Metall, oben Leder – die Verwechslungsgefahr ist hoch, wenn man nur fühlen kann.

Dass meine Augenbinde und das Gestochere komisch aussehen, das weiß ich. Ob es die Leute wundert, ob sie tuscheln ? Was ich nicht sehe, macht mich nicht heiß ! Nur einmal höre ich, wie jemand meinen Namen sagt, und erkenne den Wolmirstedter an seiner Stimme. Davon bin ich selbst fast genau so überrascht, wie der Erkannte. Dass sich die anderen Sinne schärfen, wenn man einen verliert, ist also kein Mythos, sondern Tatsache. Manchmal ist es auch die Nase, die einen leitet. Den China-Imbiss rieche ich, auch wenn ich ansonsten hochkonzentriert bei der Sache bin.

Während ich mich an Autos, Blumenkübeln, Holzbänken und gelben Tonnen entlang und damit immer näher an das Ende des Boulevards vorarbeite, ist es Siegfried Krüger nach acht Jahren Blindheit fast egal, worauf sein Stock trifft. " Ich orientiere mich an Sachen, die nicht jeden Tag anders stehen können. Marktstände und solche Dinge nehme ich nicht als Fixpunkte ", erzählt der 67-Jährige.

" Man muss am Leben teilnehmen. Wer sich zurückzieht, gibt sich auf "

In Wolmirstedt findet er sich ohne Probleme zurecht, weiß – noch aus seiner Zeit als Sehender – wie die Straßen und Plätze beschaffen sind. " Das rufe ich dann ab, wenn ich unterwegs bin, habe also eine Art Navigationsgerät im Kopf ", beschreibt Krüger. Menschenmengen meidet er lieber. " Einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt allein und mit dem Stock, nein, das muss ich mir und den anderen nicht antun. "

Zurückgezogen lebt der Wolmirstedter trotzdem nicht, unternimmt viel mit seiner Frau Bärbel, seiner größten Stütze. Es ist, als könnte Krüger durch ihre Augen sehen. Bald fährt er mit der Selbsthilfegruppe der Blinden- und Sehschwachen nach Berlin in den Bundestag. " Einige haben mich gefragt, was ich da will. Ich kann es ja doch nicht sehen. Nach dieser Logik müsste ein Blinder zuhause allein im Keller sitzen. Aber so ist das nicht. Durch Geruch, Gehör und Geschmack kann ich mir Dinge sehr gut vorstellen. Außerdem möchte ich mal da sein, wo die Politik für Deutschland gemacht wird ", beschreibt Siegfried Krüger seine Vorfreude auf den Ausflug. " Das ist die richtige Einstellung. Denn wer sich zurückzieht, der gibt sich auf ", ergänzt Holger Boenigk.

Mittlerweile sind wir vor dem neuen Verwaltungsgebäude des WWAZ angelangt. Das weiß ich aber nur, weil Boenigk es mir sagt. Der Stock bleibt plötzlich hängen. Woran, das erkenne ich auch nach längerem Abtasten nicht. Ein Kabel wurde über die Straße gezogen – eine Stolperfalle, nicht nur für Blinde und Sehschwache.

Ich drehe mich rechts, in Richtung der Bäckerei, in diesem Fall der Nase nach. Und dem Geräusch einer sich öffnenden Tür. " Sie machen das ganz gut ", lobt mich Holger Boenigk. Zum Dank für ihre Hilfe will ich die beiden Männer zum Kaffee einladen. Als mein weißer Stock an die Tür schlägt, atme ich erleichtert auf. Fast geschafft ! In der Bäckerei verliere ich noch einmal die Orientierung – zu viele Stimmen klingen in meinen Ohren. Ich fasse neben mich und packe einen Ärmel. Doch es ist keiner meiner beiden Begleiter, sondern ein fremder Mann, der sich als Hausmeister Herr Schulz vorstellt und mich zu einem freien Tisch führt. Ich bedanke mich und nehme die Augenbinde ab.

Um 9. 52 Uhr – nicht mal eine Stunde nach dem Start auf der Domäne – wird für mich wieder Tag. Obwohl ich das Geschehen um mich herum für eine ganze Weile nur unscharf erkenne, sehe ich nach dem Experiment klarer : Verständnis statt Mitleid, das ist es, was Blinde und Sehschwache brauchen. Und zwar nicht nur am heutigen Tag.