Die Bundeswehr lädt für den morgigen Sonnabend zum Tag der offenen Tür ein. In Vorbereitung darauf hat sich die Volksstimme mit Vertretern des Gefechts-übungszentrums des Heeres ( GÜZ ) über den Beitrag der Bundeswehr zum Naturschutz in der Colbitz-Letzlinger Heide in den vergangenen 15 Jahren unterhalten. Große Geldsummen wurden und werden in die Beräumung und in den Erhalt des Naturschutzgebietes investiert.

Letzlingen. Schönwetterwolken säumen den Himmel über der Colbitz-Letzlinger Heide, das Fahrzeug der Bundeswehr fährt vorbei an lila leuchtenden Landstrichen, an Bienenkörben, die vereinzelt aufgestellt sind, an grünen Bäumen und an kleinen Birkenwäldchen. Eine ansonsten schier endlos erscheinende Sichtweite über das Land mit seinen sanften Hügeln macht die Idylle in der Colbitz-Letzlinger Heide perfekt. Auch Oberst Gerd Kropf, der Leiter des Gefechtsübungszentrums ( GÜZ ) in der Heide, Kurt-Werner Balke von der Bundesforsthauptstelle Colbitz-Letzlinger Heide und Gerhard Heitz, der Leiter der Geländebetreuungsgruppe Altmark beim Bundeswehrdienstleistungszentrum in Burg, scheinen die malerische Landschaft zu genießen, zu der die Bundeswehr beigetragen hat.

Wunderwaffe Dora

in der Heide erprobt

Doch zurück ins Jahr 1994, als die Bundeswehr den Truppenübungsplatz übernommen hat. Damals zeichnete sich ein ganz anderes Bild : Trist und öd wirkt zu dieser Zeit das Gelände, auf dem nicht nur der größte geschlossene Lindenwald Europas beheimatet ist, sondern mit einer Fläche von 4900 Hektar auch der größte zusammenhängende Bestand der Zwergstrauchheide in Mitteldeutschland. Von lila blühender Erika, wie das Heidekraut im Volksmund genannt wird, ist 1994 aber nicht viel zu sehen. Weite Landstriche gleichen einer Sandwüste. Der Platz ist übersät mit Versuchsmunition aus der Zeit nach 1935, als die Heide zunächst der Wehrmacht, später der sowjetischen Militäradministration und schließlich der Nationalen Volksarmee als Versuchs- und Übungsstätte diente. In einem Wald nahe des Übungslagers Planken befi ndet sich eine ein Kilometer lange Schneise, in der Müll, Batterien, Ölfässer und vieles andere mehr abgekippt worden waren, kurz vor Born stehen mehr als 500 ausgeschlachtete Autowracks, am Jägerstieg, heute ein von der Zivilbevölkerung mitgenutzter Wanderweg, fi ndet die Bundeswehr bei der Tiefenberäumung an nur einer Grabungsstelle 1240 Wurfgranaten. In einer Reportage des MDR Fernsehens, die Oberst Gerd Kropf zeigt, wird das Ausmaß der militärischen Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide dokumentiert. Nicht nur Hitlers Wunderwaffe Dora, die von 500 Mann bedient wurde, auf Doppelschienen fuhr und sieben Tonnen schwere Munitionsgeschosse absetzte, wurde dort erprobt, Kernwaffen waren in der Heide stationiert, Artillerie- und Panzerübungen standen an, so dass die Colbitz-Letzlinger Heide nach und nach ausblutete.

367 Millionen Euro

für die Beräumung

Doch das ist Geschichte : Mittlerweile sind 20 Prozent des Truppenübungsplatzes tiefenberäumt, 80 Prozent des Platzes sind oberfl ächenberäumt. Seit 1994 sind 15 000 Tonnen Munition aufgespürt und fachgerecht entsorgt worden. 375 Lkw, 40-Tonner, wären notwendig, um diese Menge zu transportieren. 30 Mitarbeiter sind noch heute mit der Munitionsbergung betraut, ein Mitarbeiter ist nach wie vor für die fachmännische Entsorgung des auf dem Platz anfallenden Mülles beschäftigt.

Das Munitionsbeseitigungslager in Hottendorf sei auf Drei-Schicht-Betrieb umgestellt worden, um die noch eingelagerte Munition schneller zu beseitigen, erzählt Kropf. Insgesamt wurden in die Munitions- und Altlastenberäumung bislang 367 Millionen Euro investiert. Zudem stellt die Bundeswehr jährlich eine halbe Million Euro für die Pfl ege des Platzes bereit. Denn würde der Platz nicht vor einer Verbuschung bewahrt werden, würde es bereits in zehn Jahren keine Heidelandschaft mehr geben, sagt Gerhard Heitz, der Leiter der Geländebetreuungsgruppe Altmark. Es gibt einen Kreislauf, der sich Jahr für Jahr wiederholt : Üben, Nachsuchen, Pflegen, und das auf jährlich 6000 Hektar Heidefl äche. Das dient dem Erhalt und Schutz des Flora-Fauna-Habitates und Vogelschutzgebietes, als das die Kulturlandschaft – entstanden durch den Einfl uss des Menschen und zu erhalten nur durch menschlichen Einfluss – gilt.

In Kürze wird die Colbitz-Letzlinger Heide sogar kartiert, berichtet Forstamtsrat Kurt-Werner Balke. Biologen werden eine fl ächendeckende Bestandsaufnahme der naturschutzrelevanten Gebiete liefern. Sie orten zum Beispiel Zwergstrauchheiden, bodensaure Eichenbestände und mediterrane Feuchtgebiete. Danach werde ein Managementkonzept entwickelt, in dem festgeschrieben wird, wie die Heide in der Zukunft genutzt werden kann, ohne dass sich die Quantität und Qualität der geschützten Flächen verschlechtert. " Die Artenvielfalt in der Heide ist atemberaubend ", sagt Balke. 80 bis 90 Prozent der Rote-Liste-Arten Mitteldeutschlands haben in der Colbitz-Letzlinger Heide einen Lebensraum. Dazu gehören unter anderem die Vogelarten Wiedehopf und Heidelerche, aber auch die Aspe, die Traubenkirsche und die Pappel.

Besonders hoch ist die Artendichte an den Übergängen von trockenen zu feuchten Gebieten, berichtet Balke. Solch einen Lebensraum bieten beispielsweise Sölle. Sie entstanden während der Eiszeit. Sedimente aus riesigen Eisblöcken, die erst nach und nach geschmolzen seien, hätten den Boden undurchlässig verdichtet. Bei Regenwetter sammelt sich das Niederschlagswasser in den Söllen wie in einer Badewanne. Das schönste von ihnen und das erste regenerierte Sol sei das Lüberitzer, sagt Balke. Die Sölle waren durch die Entwässerung des Platzes in früheren Zeiten stark belastet worden. Für die Bundeswehr spielen diese Sölle insofern eine Rolle, dass extra aus dem Übungsbetrieb ausgeschlossen werden. Würden sie beräumt oder beübt werden, sei die besondere Bodenbeschaffenheit und damit auch das jeweilige Sol in Gefahr. Eine Diplomandin habe erst kürzlich ihre Abschlussarbeit über die seltene Naturerscheinung geschrieben, berichtet Oberst Kropf stolz.

Dass die militärische Nutzung der Heide auf den Naturschutz abgestimmt wird, ist also nicht neu. Oberst Kropf berichtet, dass unter anderem Vogelbrutstätten von Übungen verschont würden. Ebenso Tabu sei das Jävenitzer Moor, das die Bundeswehr gesperrt hat, um die Natur nicht zu zerstören. Auch der Lindenwald ist Sperrgebiet. Denn sollte der beräumt werden, müsste er abgeholzt werden, sagt Kropf.

Tag der offenen Tür

am Sonnabend

Die militärische Nutzung und den Naturschutz in Einklang zu bringen, sei Teil des Heidekompromisses, der mit der Übergabe des Platzes an die Bundeswehr geschlossen worden sei, so Kropf. Die Bundeswehr darf in der Colbitz-Letzlinger Heide zwar üben, aber nicht mit scharfer Munition und unter Einhaltung der Richtlinie zur nachhaltigen Nutzung von Truppenübungsplätzen, wie Kropf sagt. Das offi zielle Ende der Beräumung des Übungsplatzes stand im August 2007 an. Doch noch immer befi nden sich auf dem Platz – 30 Kilometer lang und 12 Kilometer breit – rund 1, 5 Millionen Störpunkte, " dabei kann es sich um eine Coladose oder aber um eine scharfe Granate handeln ", sagt Kropf – wie so oft, wenn er Besuchergruppen im Auditorium des GÜZ begrüßt und über die Geschichte des Truppenübungsplatzes spricht. Angesichts der Gefahr, die von jedem der Störpunkte ausgeht, erscheint es logisch, dass Besuchergruppen der Bundeswehr zwar willkommen sind, sich aber nur unter fachkundiger Führung auf dem Platz bewegen dürfen. Gruppen können sich jederzeit für eine Besichtigung anmelden, betont Kropf.

Einmal mehr öffnet das Gefechtsübungszentrum seine Pforten auch am morgigen Sonnabend. Von 9 bis 17 Uhr findet dort ein Tag der offenen Tür statt. Neben der Technikschau sind unter anderem auch Platzrundfahrten möglich, bei denen die Besucher sich vom Zustand des Platzes überzeugen können.