Nochmals um zehn Zentimeter ist der Pegel der Ohre bis gestern gestiegen. Nicht nur die Leiterin des Ordnungsamtes machte sich mit einem Mitarbeiter auf den Weg durch die Stadt. Auch ein Fachmann vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz schaute sich in Wolmirstedt um. Und bestätigte der Ohre ein bei der aktuellen Witterung ganz normales Abflussverhalten.

Wolmirstedt. Das Büro von Marlies Cassuhn war gestern Vormittag verwaist. Zusammen mit Dirk Illgas hat sich die Ordnungsamtsleiterin auf Hochwasser-Tour begeben. Die führte von den Wiesen am Wohngebiet Gänsebreite und am Gymnasium über die Fabrikstraße und das Nomi Rubel Haus bis zur Elbeuer Vordermühle. Von dort ging es zur Alten Elbe am Sportlerheim und zu Fuß über den Bürgerwall bis ins Küchenhorn. Das überflutete Gelände zwischen Ohrebrücke und Schützenhaus wurde ebenso in Augenschein genommen wie die Zollau in Glindenberg.

Der Ohre-Pegel war über das Wochenende auf 2,89 Meter angestiegen. Das bedeutet in der Einteilung des Landkreises Warnstufe 4 und schreibt tägliche Rundgänge vor. Ergebnis der gestrigen Kontrollfahrt: Die Sperrungen der Straßen Am Küchenhorn und Fischerufer sowie die des Weges zur Elbeuer Vordermühle bleiben bestehen. "Was wir feststellen konnten ist, dass die Ohre noch nicht so hoch ist, wie wir es im Vorjahr hatten. Und man konnte sehen, dass sie fließt", zieht Marlies Cassuhn Bilanz.

"Wir können ja nicht einfach den Stöpsel ziehen"

Dennoch gibt es neben den Kernpunkten in der Stadt, die immer und recht schnell von ansteigendem Grundwasser oder dem erhöhten Ohrepegel betroffen sind, auch Hochwasser-Neulinge. "Uns hat eine Meldung aus der Gänsebreite erreicht. Da denkt man erst, das geht eigentlich nicht. Doch das Wasser sucht sich eben seinen Weg", weiß die Ordnungsamtsleiterin. Und noch etwas konnte sie feststellen: "Die Bürger haben Verständnis dafür, dass auch uns die Hände gebunden sind. Wir können ja nicht einfach den Stöpsel ziehen."

Neben zahlreichen Spaziergängern, die als Schaulustige auf den Brücken und am Rand der überfluteteten Wiesen standen, drehte auch ein Hochwasser-Experte eine Runde durch Wolmirstedt.

Christian Pluder arbeitet als Bereichsingenieur beim Landesbetrieb für Hochwasserschutz. Auch die Gewässer in und um Wolmirstedt gehören zu seinem Fachbereich, weswegen er sich gestern von Schönebeck aus auf den Weg gemacht hatte. "Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Ohre bei der bestehenden Wetterlage ein ganz normales Abflussverhalten zeigt", so Pluder.

Die Böden seien durch anhaltenden Regen und die Schneeschmelze einfach gesättigt und könnten nichts mehr aufnehmen. Das sei besonders bei den Ackerflächen und Wiesen zu beobachten, die mittlerweile fast zu Seen geworden sind.

Steigt auch der Elbepegel weiter an, wird aufgrund der Warnstufen ein aktiver Wach- und Kontrolldienst fällig, der dann auch die Ohre und deren Deiche beobachtet. "Noch steht das Wasser aber nicht bis zur Krone, sondern bewegt sich im Bereich der Deichfüße", hat der Amtsmitarbeiter gestern beobachtet. "Die eigentliche Gefahr besteht ja nur durch einen Rückstau der Elbe, der dann auch bis Wolmirstedt reicht", weiß Pluder aus Erfahrung.

Im Landesamt hätte man schon in der Vergangenheit eine Hochwasserschutzkonzeption erarbeitet. "Von der Ohremündung bis zum Kilometer 52 gehen daraus die Überflutungsflächen hervor. Manche davon können die Leute nicht wissen – oder sie erinnern sich falsch, wie es früher einmal gewesen ist." Erkenntnisse aus diesem Plan sollen auch bei dem Treffen besprochen werden, dass es zwischen der Stadtverwaltung und dem Landesamt für Hochwasserschutz geben soll. Wie Marlies Cassuhn schon am Wochenende erklärte, wolle man bei den Experten vorstellig werden und über Möglichkeiten sprechen, welche präventiven Maßnahmen man an der Ohre vornehmen könnte.

Damit lassen sich weitere Hochwasser zwar ganz sicher nicht vermeiden, aber vielleicht etwas eindämmen.

 

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